Sehr geehrter Herr Rouhani!

Im Folgenden der Appell der Schauspielerin Pegah Ahangarani an den gewählten Präsidenten des Iran, Hassan Rouhani. Ahangarani hielt diese Rede bei einer Versammlung von Rouhanis Wahlkampfteam letzte Woche.

Sehr geehrter Herr Rouhani!

Zunächst möchte ich meine Freude über die Einladung zum Ausdruck bringen und mich für die Gelegenheit bedanken, hier zu sprechen und viele alte und neue Freunde zu begrüßen, die sich hier versammelt haben... Ich weiß, dass meine Anwesenheit unnötig ist und hoffe, dass wir am Ende alle der fehlenden Notwendigkeit meines Hierseins zustimmen werden.

Denn Sie als Vertreter von 75 Millionen Menschen wissen entweder selbst, was sie zu tun haben, oder es gibt andere (Qualifiziertere als mich), die Ihnen als Berater zur Seite stehen. Sie können also meine Worte anhören, ohne sie ernst zu nehmen, oder sie ernst nehmen, ohne darauf zu hören.

Meine Worte richten sich an Herrn Hassan Rouhani - weder an den gewählten Präsidenten der Republik noch an den Anführer einer Minderheit oder einer Mehrheit, die sich zu irgendetwas verschmolzen oder irgendwo untergeordnet hat. Weder an einen Superman noch an einen, der unfähig ist zu handeln .

Wer bin ich? Ich bin mir nicht sicher. Aber ich spreche weder als Schauspielerin noch als politische Aktivistin, weder für die Filmschaffenden noch als Vertreterin der jungen Generation und noch nicht einmal in meiner Eigenschaft als Frau. Höchstens als eine von 75 Millionen Iranerinnen und Iranern... als eine gewöhnliche Bürgerin. 

Wenn ich die Liste der Hoffnungen, Wünsche und Forderungen durchgehe und all jene Dinge, die ich für mein Recht halte (selbst wenn es nicht zutreffen mag), so bleibt vielleicht nur eines, das man mit Nachdruck von Ihnen fordern kann... Diejenigen, die Sie bei der Wahl unterstützt haben, werden genau dies mit äußerster Aufmerksamkeit während der nächsten vier oder acht Jahre beobachten.

Wir wissen, dass die Verwaltung einer jeden Angelegenheit in den Händen der jeweiligen Experten liegen sollte, und wir und Sie wissen, dass die Arbeit, ungeachtet der Interessen- und Verhandlungslage, der Umstände und Erschwernisse und Ausreden wie "es gab niemand besseren", Fachleuten anvertraut werden muss. Nicht nur in diesen acht Jahren, sondern schon seit einigen tausend Jahren ist die Inkompetenz unser größter Feind. Ein Austausch mit solchen [kompetenten] Menschen ist weniger kostspielig und vernünftiger, als sich mit Charakteren herumzustreiten, die sich aufgrund ihrer eigenen Inkompetenz auf ihren Freundeskreis verlassen und auf das Schicksal und die göttliche Fügung und das Inshallah Mashallah [so Gott will / wie Gott will, Gott sei Dank].

Denn man darf zumindest hoffen, dass eine qualifizierte Person auch eine verantwortungsvolle Person ist. Denn eine verantwortungsvolle Person fürchtet nicht die Last der Verantwortung. Warum? Weil eine verantwortungsvolle Person keinen einsamen Kampf gegen fiktive Feinde führt und weil sie weiß, wie man die vorhandenen Möglichkeiten nutzt. Eine verantwortungsvolle Person weiß, dass sie zum Aufbauen gekommen ist und nicht zum Zerstören. Eine verantwortungsvolle Person weiß, was man mit inkompetenten Charakteren macht. Das einzige, an dem es uns nämlich nicht fehlt, sind fähige Menschen. 

Wählen Sie bitte für das Landwirtschaftsministerium jemanden aus, der sich mit Landwirtschaft auskennt, für das Erziehungs- und Unterrichtsministerium jemanden, der etwas von der Verwaltung des Unterrichts versteht und für das Kulturministerium ["Ministerium für islamische Erbauung"] jemanden, der die Würde der Kunst und der Künstler respektiert. Das heißt, jemanden, der Ihre Slogans im Bereich der Kunst und Kultur sowie der Rede- und Meinungsfreiheit in die Tat umsetzt und ein Erblühen der Kunst bewirkt.

Mögen wir am Ende dieser vier oder acht Jahre nicht von Ihnen hören müssen, dass wir eine Ruine übernommen haben und eine Ruine übergeben. Mögen die Schwierigkeiten der Bevölkerung individuelle Herausforderungen sein und keine gesellschaftlichen Probleme. Unsere Grenzen die eigenen geistigen Grenzen und keine aufgezwungenen Einschränkungen. Mögen unsere Gärtner Gärtner sein und keine Turmbauer. Mögen unsere Verwalter Verwalter sein und nicht nur Revolutionäre. Die Freidenkenden frei, die Frommen fromm, die Verbrecher verhaftet, die Gerechten froh. 

Am Ende war meine Anwesenheit, wie ich bereits angekündigt hatte, unnötig und nichts als Zeitverschwendung, aber wenn Sie von mir in irgendeiner Form Hilfe brauchen, können Sie auf mich zählen.