Jafar Panahi schreibt einen Brief an Rouhani

Der bekannte iranische Filmemacher Jafar Panahi äußerte kürzlich in einem Brief an Präsident Rouhani die Sorge, dass die Annährerungsversuche der neuen Regierung an die Kunst- und Filmszene zu einer neuen Art von Zensur führen könnten. Panahi wurde zu einer sechsjährigen Gefängnisstrafe und zu 20 Jahren Berufsverbot verurteilt. Teile seines Briefs veröffentlichen wir hier in deutscher Übersetzung.

 

Nachdem ich Ausschnitte aus der Grußbotschaft Präsident Rouhanis zur Eröffnung des Fajr Filmfestivals gelesen hatte, war ich hoffnungsvoll und motiviert, den kompletten Text zu lesen, denn er enthielt Aussagen wie: „Das enttäuschte Publikum wieder in die Kinos zu bringen, ist heute der wichtigste Auftrag an unsere Funktionäre und Filmemacher. Das Kino ist bedeutungslos ohne sein Publikum, und Festivals haben nur dann Relevanz, wenn die Bevölkerung die Filmindustrie ihres Landes schätzt und sich mit ihr verbunden fühlt.“ Ich dachte (oder besser gesagt, ich begann zu hoffen), dass endlich zum ersten Mal einer der Herrschenden den wahren Grund für die Abwendung der Bevölkerung vom Kino herausgefunden hätte. Noch besser, er gesteht das wahre Problem ein und versucht nun, unseren Filmemachern die Hürde der Zensur aus dem Weg zu räumen. Dies ist die einzige erkennbare Lösung, eine, die seit Jahren der Bevölkerung und den Filmemachern bewusst ist und von den Behörden abgelehnt wird.

Zu meinem größten Bedauern musste ich, als ich die Rede zu Ende gelesen hatte, an die Worte von Sadegh Zibakalam [einem Universitätsprofessor und Politkommentator] denken: „Es gibt Elemente von Ahmadinejads Populismus auch bei Rouhani.“ Ich glaube, dass der Zweite gefährlicher ist, denn während die Politik des Ersten [Ahmadinejads] nur aus oberflächlichen Slogans bestand, versucht diese Regierung bewusst, ein neues System der Zensur aufzubauen.

Rouhani sagt: „Die Filmemacher in meinem Land fordern mich auf: Geben Sie uns Freiheit und lassen Sie uns in unseren Filmen die dunklen und bitteren Realitäten zeigen, die wir bisher nicht zeigen durften! Ich antworte ihnen: Jeder kennt diese Realitäten mehr oder weniger. Zeigen wir außer der Dunkelheit auch einige der hellen Flecken der Realität.“ Herr Rouhani weiß ganz genau, dass im Iran jedes Jahr mehr als hundert Filme produziert werden. 95 Prozent davon widmen sich den hellen Flecken, die er erwähnt, während nur fünf Prozent oder weniger versuchen, die Bevölkerung nicht zu belügen und die Dinge so zu zeigen, wie sie sind. Von diesen fünf Prozent werden 95 Prozent nie eine Erlaubnis zur Verbreitung bekommen.

Warum werden solche Anweisungen nur an die fünf Prozent gerichtet, während die anderen 95 Prozent nie aufgefordert werden, außer den hellen Flecken auch die Wahrheit darzustellen? Warum werden Künstler überhaupt gezwungen, die Aspekte zu zeigen, die Präsident Rouhani oder irgend ein anderer Befehlshaber sehen will? Wenn Herr Rouhani das Publikum in die Kinos bringen will, soll er die Künstler selbst entscheiden lassen, welche Werke sie schaffen wollen. Nur so können sie eine akzeptable Quelle für die Beurteilung ihrer Werke finden, nämlich den Erfolg oder Misserfolg beim Publikum. Die Abwendung der Zuschauer vom Film hat begonnen, als die Herrschenden anfingen zu bestimmen, was gesehen werden soll und was nicht.
Kategorien: