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Iran: Wem die Stunde schlägt

Ali Schirasi - 15. Januar 2018 - 20:35

Die Protestwelle zum Jahreswechsel 2017/2018 – im iranischen Bewusstsein ist es freilich noch das alte Jahr 1396, das nächste Jahr beginnt erst mit dem Frühling – diese Protestwelle ist scheinbar abgeflaut.
Doch der Schein trügt.

Reformist, Fundamentalist – Schluss damit!
eslah-talab, ossul-gera, digar tamam ast majara (eine der gerufenen Parolen)
Die Protestwelle, die vielleicht von einer halben Million Menschen im ganzen Iran, in großen wie in kleinen Städten von Balutschistan bis Aserbaidschan, von Ahwas bis Maschhad, in die Straßen getragen wurde, hat ihre Bedeutung nicht durch die Zahl der Teilnehmer. Da hat der Iran schon viel größeres in den letzten zehn Jahren erlebt. Diese Protestwelle war nicht organisiert – keine Partei, keine Gewerkschaft, keine Studentenorganisation, kein Verein stand dahinter. Man stelle sich vor, in Deutschland mit der gleichen Einwohnerzahl, kämen eine halbe Million Menschen auf die Straße, spontan, ohne Organisation. Geradezu unvorstellbar. Hinzu kommt, dass die Leute, die protestiert haben, wissen, mit wem sie zu tun haben. Die iranischen Machthaber üben sich seit Jahrzehnten – seit der Existenz der Islamischen Republik – in alle Techniken der Unterdrückung. Vom Lügen und Verleumden bis zum Gefängnis, zur Folter und Hinrichtung.

Was die Herrschenden eint
Diesmal waren die Parolen, die gerufen wurden, von ganz anderer Qualität. Es ging nicht mehr um die Forderungen der Reformisten, der ehemalige Präsidentschaftskandidat Mirhossein Mussawi und sein andauernder Hausarrest waren nicht mehr Thema. Es ist schwer, zu belegen, was die Menschen nicht gerufen und gefordert haben, da müsste man ja von allen Demonstrationen Zeugen haben. Aber es gibt solche Zeugen – wenn auch mit eigenen Interessen. Wie schon zu Beginn der Proteste behauptet wurde, startete das ganze eigentlich als inszenierter Protest der Fundamentalisten im religiösen Zentrum Maschhad im Osten des Landes.

Ajatollah vor dem Sicherheitsrat
Der Freitagsprediger von Maschhad, Ajatollah Alam ol-Hoda, und Ebrahim Ra‘issi, ehemaliger Präsidentschaftskandidat der Fundamentalisten und einflussreicher Vorsitzender der Astane-Qods-Rasawi-Stiftung, eines der reichsten Unternehmen des Irans hatten demnach einen bescheidenen Protest von ein paar Dutzend Leuten in Maschhad organisiert, die gegen die Inflation im Iran protestieren sollten. Ziel war es, damit den amtierenden Staatspräsidenten Hassan Rouhani zu diskreditieren. Der Protest fand statt, aber Hunderte andere Menschen fanden dies eine gute Tribüne, um ihre Forderungen an die Öffentlichkeit zu tragen. Und diese Forderungen kamen in folgenden Parolen zum Ausdruck:
Eslamo pelle kardid, mardomo dhelle kardid
Ihr habt den Islam zu einer Treppe (zur Macht) gemacht und das Volk in die Armut gestoßen.
Oder:
yek extelas kam beshe, moshkele ma hall mishe.
Wenn es eine Veruntreuung weniger gäbe, wären unsere Probleme gelöst.
(Sprich die Machthaber stecken so viel Geld in die eigenen Taschen, dass damit sämtliche Lohnforderungen gedeckt werden könnten).
Und rasch breiteten sich die Demonstrationen aus. Damals sprach der iranische Innenminister warnend, dass diejenigen, die das Volk auf die Straße gebracht hätten, nachher nicht mehr imstande seien, es wieder von der Straße zu holen.
Es wurde eilig eine Sondersitzung des Iranischen Nationalen Sicherheitsrats einberufen, zu der Ajatollah Alam ol-Hoda und Ebrahim Ra‘issi vorgeladen wurden. Sie mussten für ihr Vorgehen Rede und Antwort stehen. Natürlich sind solche Sitzungen geheim, aber in Paris ist ein Angehöriger der iranischen Elite Ruhollah Sam (Roohollah Zam) ansässig, dessen Vater im Iran Ajatollah war. Ruhollah Sam hat sich mit seinem Vermögen aus dem Staub gemacht und damit ein eigenes Fernsehen gegründet, das über Internet erreichbar ist (Bayan, Sadoi Mardom …). Dieser Herr hat gute Drähte in die Etagen der Macht, auch zu den iranischen Geheimdiensten, und auf diesem Weg sind Einzelheiten aus der besagten Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats bekannt geworden.

Große Koalition
Egal ob Reformisten, Fundamentalisten oder die Anhänger von Ex-Präsident Mahmud Ahmadineschad, der sich sonst gern mit den Großen anlegt – den Laridschani-Brüdern oder früher mit Rafsandschani, alle stellten sich vereint gegen die Demonstranten. Das höchste der Gefühle war noch, dass Leute wie Hassan Rouhani einem Teil der Demonstrierenden zugestanden, aus berechtigten Gründen auf die Straße gegangen zu sein. Der Haupttenor der Machthaber lautete freilich: Die sind vom Ausland aufgehetzt und gesteuert, das ist keine eigenständige Bewegung. Aber auch diese Leute wissen, dass sie lügen, und sie werden sich Gedanken machen, wie sie aus der Sackgasse heraus kommen.

Kein Ausweg für die Machthaber
Aber es gibt keinen Ausweg. Die Machthaber konnten vor den Sanktionen ihr Regime mit den Erdöleinnahmen finanzieren. Diese schrumpften während der Sanktionen, aber auch jetzt nach deren Ende, steigen die Einnahmen kaum. Einmal bleibt der Erdölpreis weit unten – nicht zuletzt dank der Förderpolitik von Saudiarabien und der Vereinigten Arabischen Emirate, zum anderen sind zwar Investitionen in den Erdölsektor zur Modernisierung angekündigt, aber die ausländischen Firmen, die mitmachen, brauchen Zeit. Und schließlich sind die Erdöleinnahmen unter der Kontrolle der Pasdaran, unabhängig davon, dass der Export über angeblich staatliche Firmen verläuft. Firmen, die unter der Kontrolle der Pasdar-Generäle stehen, sind vor Steuerkontrollen immun, da gibt es keine korrekte Buchhaltung und folglich auch keine korrekten Zahlen. Andere Quellen, so etwas wie Umsatzsteuer, hat der Iran kaum, weil der Staat wiederum gegen die Interessen der Basarhändler und der Elite verstoßen müsste, um die Steuer durchzusetzen. Lohnsteuer nützt nichts, wenn es keine Arbeit gibt und die Löhne nicht oder nur in Bruchteilen ausgezahlt werden. Das iranische Budget ist kleiner als das von Polen, obwohl Polen nicht einmal die Hälfte der iranischen Einwohnerschaft hat. Kein Unternehmer, kein inländischer und kein ausländischer, wird im Iran investieren, solange es keine Rechtssicherheit gibt und keine Sicherheit vor feindlicher Übernahme durch die Pasdaran.

Kein Ausweg für die Bevölkerung
Auf der Gegenseite steht die große Mehrheit der iranischen Bevölkerung. Die Produktion im Land steht still oder ist nur zu Bruchteilen der Kapazität ausgelastet. Die Firmendirektoren sind keine Unternehmer, sondern Raubritter, die den Posten dank ihrer Beziehungen zu den bewaffneten Organen ergattert haben. Die Landwirtschaft wird durch Billigimporte aus Pakistan oder Indien kaputt gemacht. Die Textilindustrie und viele andere Industriezweige leiden unter den Billigimporten aus der Volksrepublik China. 90 Prozent der iranischen Importe erfolgen in der Form von Schmuggel, das heißt auf den Kanälen der Pasdaran. Auch hier hat der Staat keine Einnahmen. Für die Bevölkerung heißt das: Keine Arbeit, keine Sicherheit. Kein Geld für erwachsene Kinder, um aus der Wohnung auszuziehen und eine eigene Familie zu gründen. Studium ja, aber ohne Aussicht auf Anstellung. Jobs als Tagelöhner. Und um den Lohn wird man dann noch betrogen. Das sind die tagtäglichen Erfahrungen, die jetzt auch in Interviews mit Einheimischen, Männern wie Frauen, zur Sprache kommen. Ein Gewerkschafter der Zuckerrohrfabrik von Haft-Tape hat jetzt gedroht, wenn die Lohnforderungen weiterhin nicht erfüllt werden, würden sie das Managment der Firma übernehmen, sie wüssten, wie man die Arbeit organisiert. Und eine erzürnte Frau berichtet von der Misere, in der die ganzen Familien durch die grassierende Armut gestürzt werden. Familiengründung unmöglich. Ein Vertreter der nicht-staatlichen Lehrergewerkschaft erklärt öffentlich in einem Interview, dass alle Diktatoren ihre Herrschaft auf Angst gründeten, und diese Angst habe die Bevölkerung jetzt verloren. Das sagt er direkt zu einem imaginären Ajatollah Chamene‘i, dem religiösen Führer.

zendane evin daneshju mi pazirad
Das Ewin-Gefängnis nimmt noch Studenten auf.
Marg bar rouhani, marg bar diktatur
Tod für Rouhani, Tod für den Diktator! (mit letzterem ist Ajatollah Chamene‘i gemeint)
Jomhuriye eslami, nemixahim, nemixahim
Islamische Republik, wir wollen keine, wir wollen keine!
Marg bar hezbollah
Tod der Hisbollah!
Seyyed Ali hayya kon, mamlekato raha kon
Seyyed Ali (Chamene‘i) schäm dich, verlasse das Land!
Aqa xoda‘i mikone, mellat geda‘i mikone
Der Herr (=Chamene‘i) spielt den Lieben Gott, das Volk geht betteln.
xamene‘i qatele, welayatash batele
Chamene‘i ist ein Mörder, seine Herrschaft ist illegal.
in rezhim raftaniye, haqiqat goftaniye
Dieses Regime muss gehen, die Wahrheit muss gesagt werden.
larijani hayya kon, qezawato raha kon
Laridschani (Oberhaupt der Justiz) schäme dich, gib die Justiz ab!
basiji borou gom shou.
Bassidschi, geh und verschwinde!
mi mirim, mi mirim, iran-ro pas migirim
Wir sterben, wir sterben, aber den Iran holen wir uns zurück.

Gerade, weil diese Proteste nicht organisiert waren, geben sie wieder, was die meisten denken. Das Regime ist vorbei. Die nächste Phase ist ein Zusammenbruch des Systems. Daran ändern auch die Verhaftungen und Folterungen nichts. Die Menschen haben keinen Ausweg. Das haben sie erkannt. Und das ist das Ende der Islamischen Republik.
Hoffen wir, dass sie danach etwas besseres aufbauen können.

https://www.rferl.org/a/iran-exile-telegram-channel-roohollah-zam-bring-down-government/28957053.html
vom 5. Januar 2018
Controversial Exile Using Social Media To Try To Bring Down Iranian Government

http://www.rahekargar.net/articles_2018/2018-01-09_24_amir-shoar1.pdf

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Iran: Zunahme der Todesfälle in den Gefängnissen

Ali Schirasi - 15. Januar 2018 - 18:32

Die iranische Parlamentsabgeordnete Parwane Salahschuri hat öffentlich erklärt, dass jeden Tag der Name eines weiteren Gefangenen bekannt wird, der oder die im Iran im Gefängnis ums Leben gekommen ist. Sie brachte die Besorgnis der Parlamentarier über die Haftbedingungen zum Ausdruck und wies darauf hin, dass die Gefängnisbehörde für das Leben der Gefangenen verantwortlich sei. Sie berichtete, dass die Abgeordneten versuchten, die Gefängnisse zu besuchen und die Gefangenen zu sehen. Der stellvertretende Geheimdienstminister und der Parlamentspräsident hätten sich positiv zu diesem Vorhaben geäußert. Sie bedauerte, dass es keine amtlichen Statistiken über die Zahl der Todesfälle gibt, es werden lediglich zwei angebliche Selbstmorde eingeräumt, während Menschenrechtsorganisationen schon von fünf Gefangenen sprechen.

https://www.radiofarda.com/a/iran_parvaneh_salahshoori_prisons_killed_prisoners/28976770.html
vom 25. Dey 1396 (15. Januar 2018)
negaraniye nemayandegan az te°dade koshte shodegan: sazemane zendanha mas‘ule jane zendaniyan ast

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Iran: Todesfälle in Haft – Parlamentarier fordern Aufklärung

Ali Schirasi - 15. Januar 2018 - 18:20

Mahmud Sadeqi, iranischer Parlamentsabgeordneter für Teheran, hat am Sonntag bekannt gegeben, dass mehr als 40 Abgeordnete des iranischen Parlaments einen Brief an den Parlamentspräsidenten Ali Laridschani unterschrieben haben. In dem Brief fordern die Abgeordneten die Bildung einer unabhängigen Gruppe zur Aufklärung der jüngsten Todesfälle in den iranischen Gefängnissen. Bei den Opfern handelt es sich um Personen, die im Rahmen der jüngsten Proteste verhaftet wurden. In diesem Schreiben wird die amtliche Version in Frage gestellt, wonach die Gefangenen Selbstmord begangen hätten. Von den Angehörigen war in einigen Fällen zu erfahren, dass die Leichen blaue Flecken aufwiesen.

https://www.radiofarda.com/a/iran_mahmoud_sadeghi_letter_ali_larijani_saro_ghahremani/28974621.html
vom 24. Dey 1396 (14. Januar 2018)
40 nemayandeye majles xastare barresiye °elale marge te°dadi az bazdashtshodegan shodand

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Iran: Todesfälle in Gefängnissen müssen untersucht werden

Ali Schirasi - 15. Januar 2018 - 18:10

In einer jüngsten Erklärung weist Amnesty International auf die katastrophale Lage in den iranischen Gefängnissen hin.
Mindestens fünf Personen sind Berichten zufolge nach der Niederschlagung regierungskritischer Proteste im Iran in Gewahrsam der Sicherheitskräfte gestorben. Amnesty International fordert die iranischen Behörden auf, die Todesfälle unverzüglich zu untersuchen. Ausserdem müssten die notwendigen Massnahmen ergriffen werden, um Inhaftierte vor Folter zu schützen und weitere Tote zu verhindern.
Weitere Einzelheiten siehe:

https://www.amnesty.ch/de/laender/naher-osten-nordafrika/iran/dok/2018/todesfaelle-in-gewahrsam
15. Januar 2018

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Stimmen der Verzweifelnden

MehrIran - 15. Januar 2018 - 14:38

Paradies Iran

Iran gleicht einem bunten Teppich. Seine Menschen und ihre Abstammung, ihre Sprachen, die Landschaften, Kulturen und Religionen bergen eine reiche Vielfalt. Europäer, die sich auf den Weg machen diese faszinierende Region zu erkunden, sind oft beeindruckt von der grandiosen Gastfreundschaft der Menschen vor Ort, den Zeugnissen lebendiger Architektur oder den geschichtsträchtigen Felsinschriften.

Persisch ist eine der Hauptsprachen Irans. Im Laufe der letzten 4 Jahrtausende hat sie Lehnworte aus dem Sanskrit, dem Aramäischen oder dem Arabischen aufgenommen, aber auch andere Sprachen, wie z.B. das Türkische, bereichert. Es ist eine Sprache, die schon im Buch der Könige (Schāhnāme), dem berühmten Nationalepos des Dichters Ferdosi, reich an Metaphern und Heldengeschichten das Herz der Zuhörer bewegt. Gleichwie die weltweit geliebten Gedichte der Mystiker und Dichter Rumi, Hāfis, Sa'adi oder Omar Chayyām das Herz bewegen. Manche Gäste aus Europa suchen bei ihren Aufenthalten im Iran den Zauber von Rosenduft und Paradies, der in vollendeten Gedichten gepriesen wird.

"Diese Luft erinnert an des Paradieses Hauch, die mich vom Garten umfächelt,
Hier freu ich mich des Weines auch, wo der Liebsten Auge samten lächelt."
- Hafis  

Unruhige Zeiten im Iran

Es läuft nicht alles schlecht im Iran. Man muss nur mit den richtigen Personen verbunden sein oder in Familien hinein geboren werden, die wichtige Posten im Wirtschaftsgeflecht der Pasdaran innehaben und gerade nach Aufhebung der Sanktionen stark profitiert haben[1]. Die aus den USA frei gewordenen Milliarden sind beim Durchschnittsbürger nicht angekommen.

Die Bevölkerung hat mit allen möglichen Herausforderungen zu kämpfen. Die Palette reicht von Naturkatastrophen wie Erdbeben, Dürre oder Sandstürme über Flüchtlingsströme aus Afghanistan, Smog, Armut, Drogen, Prostitution, Verwahrlosung und eine hohe Arbeitslosenquote bei Menschen unter 25 Jahren. Im Verlauf der letzten zwanzig Jahre hat das bei immer mehr Menschen zu prekären Lebensverhältnissen im Iran geführt.

Obdachlose schlafen in leeren Gräbern auf Friedhöfen, Straßenkinder suchen Schutz in Mülltonnen oder alten Kartonagen. Familienväter schleppen sich von ihrem Hauptjob über einen bis zwei Nebenjobs in die kurze Nacht, bevor die Mühle von neuem beginnt. Es heißt, dass so mancher seine Organe verkauft, um seine Familie zu ernähren oder seinen Kindern eine Perspektive zu bieten[2].

Dazu kommen politische Repressalien, Korruption der Behörden, kulturelle Zwänge, mangelnde Presse- und Meinungsfreiheit und eine Märtyrer-Ideologie im Zusammenhang mit der "islamischen Revolution", der sich der Staat in Anlehnung an den Revolutionsführer verpflichtet hat.

Eigentlich waren die Revolutionäre 1979 angetreten, um der Religion mehr Raum zu verschaffen und nach „göttlichen Prinzipien“ zu regieren. Doch sie haben die Religion missbraucht und ruiniert. Viele sind enttäuscht von jenem Islam, den der Staat propagiert. Sie lehnen alles was mit Religion zu tun hat, ab oder wenden sich dem Sufitum zu. Vor allem der Schah-Nematollah-Gonabadi Orden[3] verzeichnete in den letzten 12 Jahren hohe Zuwächse an Mitgliedern. Das Grab seines Begründers Schah Nematollah Vali liegt in Mahan und wird gerne von Touristen besucht.

Der für zahlreiche Todesurteile, inklusive Steinigungen, bekannte Richter Mahmud Haschemi Schahrudi[4], der sich kürzlich in Deutschland zu einer medizinischen Behandlung aufhielt, hat in seiner Zeit als Kopf der Justiz (1999 - 2009) auch die Schließung der Versammlungshäuser dieser Derwische angeordnet. Der Staat beansprucht das Monopol auf den Glauben und die Weltanschauung der Menschen. Das hat zu Auseinandersetzungen mit den Derwischen geführt, die den Obersten Führer des Landes nicht als ihr geistiges Oberhaupt anerkennen. Auch einige Geistliche wie Ajatollah Boroudscherdi treten für eine Trennung zwischen Religion und Staat ein, wodurch sie und ihre Anhänger gravierende Probleme mit dem Regime bekommen haben.

In den vom Staat betriebenen Moscheen versammeln sich hingegen die hartgesottensten Regimeanhänger. Für sie sind Moscheen nicht allein Gebetsräume, sondern Räume für Propaganda und Hetze gegen die vermeintlich Schuldigen an der Misere: USA, Israel, Saudi-Arabien. An allem, was schlecht läuft im Iran, sind die Erzfeinde aus dem Ausland schuld.

Wer Kritik am Regime äußert, läuft schnell Gefahr als Feind der Nation oder Söldner einer ausländischen Macht bezeichnet zu werden. Die Liste der Nöte im Land ist groß, die Maßnahmen der Offiziellen das allgegenwärtige Leid aufzufangen gering.

Als es im November 2017 in der von Kurden bewohnten Provinz ein Erdbeben mit über 300 Toten gab, schaffte es der in militärischen Angelegenheiten sehr gut aufgestellte Staat trotz Präsident Rohanis Versprechungen nicht, der Notlage angemessene Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Man kann das als Zeichen werten, wie viel Durchgriff der Tiefenstaat Präsident Rohani gewährt. Sein Auftrag lautet das Land aus der Misere zu führen, dafür hat ihn vor allem die bürgerliche Mittelschicht in den Städten gewählt.

Doch es gibt zu viele Heilige Kühe, die von den erzkonservativen Revolutionären mit eisernen Händen gehütet werden. Rohani hat den Atom-Deal geschlossen und einige Wirtschaftsbeziehungen in Gang gebracht. Viele seiner Versprechungen sind jedoch untergegangen. Die Situation der Minderheiten im Iran hat sich nicht verbessert, die Menschenrechtssituation darbt, politische Strafgegangene erleiden weiterhin unfaire Prozesse, die Todesstrafe ist an mehr Menschen ausgeführt worden als in der Zeit vor Rohani[5]. Zusätzlich hat sich der Iran durch seine Revolutionsgarden in Syrien, im Irak und sicher auch im Jemen militärische Konflikte aufgehalst, die Irans Einfluss in der Region haben wachsen lassen, doch sind sie nicht bei allen Menschen positiv aufgenommen worden. Die Konflikte müssen Unsummen verschlungen haben, Geld das nicht bei den Armen angekommen ist. Und plötzlich erfahren wir von den Unruhen Ende des alten Jahres, die sich ins neue Jahr hineingezogen haben.

Shir-e mard

In der heiligen Stadt Maschhad steht der Imam-Reza-Schrein, eines der größten schiitischen Heiligtümer. Vor dem Rathaus der Pilgerstadt versammelten sich am 28. Dezember 2017 mehrere hundert Menschen und skandierten gegen miserable wirtschaftliche Bedingungen. Binnen zwei Stunden wandelten sich die Sprechchöre, die gegen Präsident Rohani gerichtet waren, in Parolen gegen den Obersten Führer Chamenei und das gesamte Regime. Eine weitere Stunde später gingen in fünfzig weiteren Provinzstädten Menschen auf die Straßen. Schnell beschuldigte das Regime die üblichen Verdächtigen[6].

Der Vertreter des Obersten Führers in dieser Provinz, Ahmad Alamolhoda, soll die Demonstration veranlasst haben. Alamolhoda ist der Schwiegervater von Ebrahim Raisi, Direktor einer schwerreichen religiösen Stiftung[7]. Raisi ist bei der letzten Wahl gegen Präsident Rohani gescheitert. Alamolhoda musste bereits zu seiner Rolle beim Lostreten der Proteste vor dem Nationalen Sicherheitsrat aussagen.

Die Proteste zogen sich länger als eine Woche hin. Sie ebbten ab, als die Sicherheitskräfte zahlenmäßig deutlich überlegen auftraten und das Regime einen Gegen-Demonstrationszug mit seinen engsten Anhängern organisieren konnte.

Seither sollen zwischen 23 und 50 Menschen getötet worden sein. Um die 3000[8] Personen kamen in Haft, das Schicksal der meisten ist ungewiss. Drei Menschen sind unter ungeklärten Umständen in Haft verstorben.

Lehrer[9], Krankenpfleger und Fabrikarbeiter hatten schon zwei Jahre zuvor begonnen zu demonstrieren. Jeden Tag waren es mehr Demonstrationen geworden. Immer ging es um unbezahlte Gehälter oder um von Schließung bedrohte Fabriken. Auch im mondäneren Teheran fanden Proteste statt, doch sie fanden vor allem bei Sicherheitskräften Beachtung.

In einem Interview mit dem Internetkanal DorrTV[10] warnte der Sprecher der Lehrer in Chorasan, Haschem Chastār[11], schon vor zwei Jahren: „Unsere Regierung und unsere Führer haben den Kontakt zu den Nöten der Menschen verloren. Wir sitzen auf einem riesigen Pulverfass. Es braucht nur einen Funken!“ Chastār setzt sich ein für das Recht der Lehrer, sich in Gewerkschaften zu organisieren. Dafür hat er bereits drei Gefängnisstrafen verbüßt.  Chastār fügte in einem späteren Interview hinzu: „Sie wollen einen Führer – eine Person ist der Hirte und alle anderen sind die Schafe. In diesem Regime müssen die Menschen blind gehorchen und ja nichts in Frage stellen.“ Chastār ist kein Einzelfall in seinem Dulden und Engagement. Menschen unterschiedlicher Berufe, unterschiedlicher Bildungsgrade und sozialer Herkunft wagen trotz drohender Strafen Kritik zu äußern. Die Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh[12] berichtet regelmäßig über die Situation politischer Gefangenen im Iran, scheut sich nicht mit ausländischen Sendern zu sprechen, der Derwisch und Blogger für Madschzouban-e Nour, Kasra Nouri[13], filmte während der Unruhen und wurde prompt festgenommen, Mohammed Maleki[14] war Rektor der Universität Teheran und geht jetzt so oft es seine Gesundheit erlaubt auf die Straße, um für die Freilassung Gewissensgefangener zu demonstrieren. So gibt es viele weitere Personen, die Haftstrafen verbüßt haben und aus ihrem bisherigen Leben gedrängt wurden. Doch sie geben nicht auf. Hier klingt das alte Motiv des ritterlich gesinnten Javânmard an, der von seinem Leid absieht und sich für andere Menschen einsetzt. Oft werden diese Menschen mit Löwen verglichen und dadurch shir-e mard genannt.

Dieser Geist wurzelt in dem weltberühmten Heldenepos "Schahname" von Firdausi aber auch in den Zeilen eines Sa'adi Schirazi:

"Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wieder .
Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.
"

Grabenkämpfe

Das Tauziehen um Investitionen und Mittel zwischen den beiden politischen Lagern mündete in die Entscheidung religiösen Stiftungen[15] und den Revolutionsgarden[16] mehr Geld zukommen zu lassen und Lebensmittel- und Benzinsubventionen, sowie andere Unterstützungen für Ärmere zu kürzen oder zu streichen[17]. Als dies öffentlich bekannt wurde, stieg der Unmut sprunghaft an. Der Fluss der Mittel gewährt Einblicke in die politischen Schwerpunkte der Kräfte hinter Chamenei. Sicherung der Deutungshoheit zu Islam und der Islamischen Republik über die Bindung der Armen an die religiösen Stiftungen und Erfüllung des in der Verfassung festgeschriebenen Ziels die Revolution zu exportieren.

Religiöse Institute (Bonyads) wie die Astan-Quds-Razavi-Stiftung nehmen Jahr für Jahr Millionen von den gläubigen Pilgern ein. Sie entziehen sich sowohl der Verpflichtung Steuern zu bezahlen, als auch einer Kontrolle durch das Parlament. Rohani fordert beides. Doch die Stiftungen sind aufs Engste verzahnt mit den Revolutionsgarden und weigern sich Einblicke zu gewähren.

Der Revolutionsexport ist Aufgabe der Quds-Armee, die wiederum ein Teil der Revolutionsgarden ist. Die Quds-Armee arbeitet als eine Art Schatten-Holding-Gesellschaft, die in verschiedenen Ländern wie Libanon, Jemen[18] oder Irak[19] Verbündete hat. Diese Verbündete treten als eigenständige Einheiten auf, werden aber im Hintergrund sowohl ideologisch und strategisch als auch ökonomisch und militärisch von Quds Generälen geschult und geführt. Diese Aufgaben erfordern riesige Summen. Das Budget der Revolutionsgarden für 2017 soll 40 Milliarden USD betragen haben.

Rohani indes müht sich einen moderateren Kurs im Land durchzusetzen, wie das vor seiner Zeit schon die ex-Präsidenten Chatami und der vor einem Jahr unter ungeklärten Umständen[20] verstorbene Pragmatiker Hashemi Rafsandschani versucht haben.

In Bezug auf die jüngsten Unruhen vertritt Rohani eine integrative Position. So wird er bei einem Treffen mit Vertretern des Wirtschafts- und Finanzministeriums mit folgenden Worten zitiert:

"Manche glauben, die Demonstranten würden nur für mehr Geld und bessere wirtschaftliche Bedingungen auf die Straße gehen. Kennen Sie jemanden, der sich mit einem monatlichen Gehalt zufriedengibt, wenn gleichzeitig soziale Medien komplett abgeschaltet sind, die räumliche Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und man kein Recht zu reden hat? Man kann die Freiheit und das Leben der Menschen nicht kaufen. Warum wollen manche an der Wahrheit vorbeischauen? Das ist eine grobe Beleidigung der Menschen." Später ergänzte Rohani: "Die Menschen haben ökonomische, kulturelle, soziale und die Sicherheit betreffende Forderungen. Wir müssen allen Forderungen Rechnung tragen. Wenn die junge Generation die Mehrheit im Land stellt, müssen wir unsere Entscheidungen nach ihren Wünschen ausrichten."

Wie Ernst Rohani solche Forderungen meint oder ob sie nur zur Beruhigung der großstädtischen Mittelschicht und ausländischer Beobachter ausgesprochen sind, ist schwer zu ermessen. Sein Widersacher im höchsten Staatsamt, Ali Chamenei, benannte in seiner jüngsten Predigt drei "ruchlose Spieler", die für die Unruhen im Iran verantwortlich zeichnen: "Es gibt Hinweise darauf, dass ein Triumvirat an Protagonisten beim Zustandekommen der jüngsten Ereignisse beteiligt war. Einerseits besteht es aus den USA und den Zionisten (gemeint ist Israel), die seit Monaten an diesem Plan gearbeitet haben...andererseits sind es die reichen Staaten am Persischen Golf...und die dritte Seite besteht aus den Söldnern, die mit den mörderischen Heuchlern (gemeint sind die Volksmudschahedin oder MEK) verbunden sind."

Neben seinen üblichen Anschuldigungen, forderte Khamenei die Behörden auf zu untersuchen, ob die Verhafteten Feinde des Regimes oder einfache Gemüter sind, die etwas Orientierung bräuchten: "Wir sollten mit den Studenten und denjenigen, die sich den Auseinandersetzungen aus emotionalen Gründen angeschlossen haben, sprechen und sie aufklären. Doch jene, die als Spielfigur der Heuchler gehandelt haben und Menschen getötet haben, sollten eine andere Behandlung erfahren."

Ob Khamenei damit eine Behandlung der Regimefeinde meint, wie sie drei jungen Männern jüngst wiederfahren ist, ist nicht ganz klar. Die drei jungen Männer, Mohsen Adeli, Vahid Heidari und Sina Ghanbari sind nach ihrer Verhaftung im Gefängnis gefoltert und getötet worden[21]. Ihre Tode wurden von den Behörden als Selbstmord deklariert. Menschenrechtler zweifeln an dieser Darstellung. Insgesamt sollen bei den jüngsten Unruhen zwischen 23 und 50 Menschen getötet worden sein. Einige Gefangene scheinen mittlerweile aus dem Evin Gefängnis entlassen worden zu sein[22].

Die Bedeutung der neuen Medien im Iran

Der Kurznachrichtenkanal Telegram erfreut sich im Iran hoher Beliebtheit. Das besondere bei Telegram[23] ist, dass selbst bei niedrigen Internetgeschwindigkeiten Nachrichten ausgetauscht und Videos hochgeladen werden können.

Die Regimeverantwortlichen lassen den Dienst der Brüder Durow zu, lesen mit und nutzen selbst den Kanal, um eigene Propaganda zu verbreiten. So öffnet sich eine mediale Wiese für die Bevölkerung, um Frust abzulassen, die jedoch von den speziell dafür ausgebildeten Zuarbeitern des Regimes überwacht und kartographiert wird, um zum besten Zeitpunkt einzugreifen. In den letzten zehn Jahren haben die Regimeverantwortlichen die Bedeutung der Nachrichtenverbreitung über Online-Medien erkannt. Seither hat die neu eingerichtete Cyber-Armee[24] mehr und mehr Terrain auch auf diesem Feld gewonnen. Ein Geflecht an Propagandaseiten sorgt für die Verbreitung von Ausgrenzung, Rufmord und Hass. Teure deutsche Überwachungs-Software sorgt für ein intensives Monitoring und unreguliertes Sammeln unendlich vieler Daten von Verdächtigen oder von Leuten, die ausgeschaltet werden sollen. Auch wenig spektakuläre aber durchaus effektive Hackeraktivitäten durch Regimefreunde sind weltweit zu verzeichnen[25].

Durch die vielen Nachrichtenkanäle und Möglichkeiten Online-Informationen zu teilen, sind bei den Unruhen zum Jahreswechsel 2017/18 viel mehr Videos und Informationen aus dem Land gekommen als noch 2009. Die Anzahl der Endgeräte hat sich von 10 Millionen auf über 40 Millionen vervierfacht, es wächst eine neue Generation heran. Laut Behörden im Iran sind bei den jüngsten Unruhen 90% der verhafteten Menschen unter 25 Jahren und viele davon noch nicht 18 Jahre alt. Sie haben sich über Telegram verständigt.

Über die Nachrichten Kanäle, die das Internet zugänglich macht, lassen sich auch klassische Medien aus dem Ausland erreichen. Zwar gibt es mit den persischen Abteilungen der VOA, DLF und BBC einige westliche Fernseh- und Radiosender, die auch im Iran gesehen und gehört werden, doch die Iraner trauen auch diesen Sendern nicht, seit sie wissen, dass Angestellte und Journalisten, die für die Sender arbeiten, oder ihre im Iran lebenden Angehörigen vom Regime bedroht werden[26].

Zunehmender Beliebtheit erfreut sich der Intersender DorrTV, der unabhängig ist und sich mit geringen Mitteln auf Inhalte statt auf elegante Formen konzentriert. Die Macher von DorrTV geben sowohl Iranern im Inland als auch im Ausland die Möglichkeit ihre Stimme zu Gehör zu bringen. Offensichtlich nutzen auch Geheimnisträger DorrTV, um politische Gegner ins Wanken zu bringen. So war DorrTV der erste Kanal, der die Existenz zahlreicher Geheimkonten mit umgerechnet 250 Millionen Euro des Justizchefs Sadegh Laridschani aufdeckte[27]. DorrTV sendet aber auch regelmäßig Vorträge des Rechts- und Islamwissenschaftlers Seyed Mostafa Azmayesh. Azmayesh lebt seit 40 Jahren im Pariser Exil und vertritt eine friedliebende, auf menschliche und Gesellschaftsentwicklung basierende und konziliante Islam und Koran Interpretation[28]. Seine Argumente werden inzwischen auch bei den Theologen in Qom gehört. So wurde die Steinigung 2009 aus dem Strafenkatalog entfernt, weil Azmayesh hieb- und stichfest aufzeigen konnte, dass Steinigungen eine Strafe war, die von Despoten angewandt wurde und durch den Koran kritisiert werden[29].

Islamische Republik Iran

Iran hat eine bewegte Zeit hinter sich seit 1979 Schah Mohammed Reza Pahlavi sein Land verlassen musste. Als eine breite Koalition verschiedener Schichten und Gruppen der iranischen Gesellschaft ihre Revolution an Ayatollah Chomeini und die Garden hinter ihm übertrug, nannte sich das Land Islamische Republik Iran. Man ließ die Bevölkerung in zwei Referenden über die Verfassung abstimmen, deren Ergebnisse zu dem heute etablierten System des Velayat-e faghi (Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten) geführt haben. Nach dem Tod Chomeinis 1989, kam der jetzige Führer Ali Chāmenei in die Position des Stellvertreter Gottes auf Erden. Diese Position impliziert eine enge Verquickung zwischen Religion und Staat. Die Staatsräson gibt auch die Richtung der Religion vor, die sogenannte Zwölfer-Schia, deren wesentliches Credo darin besteht, dass der zwölfte legitime Nachfolger des Propheten Mohammed nicht gestorben ist, sondern seit Jahrhunderten im Verborgenen weiterlebt. In der allgemein-schiitischen Vorstellung kehrt dieser "verborgene Imam" eines Tages zurück und bringt Gerechtigkeit für alle Unterdrückten. In der Staatsideologie, die im Wesentlichen von Ayatollah Chomeini[30] formuliert wurde, spielt diese messianische Erwartung[31] eine große Rolle. Chomeini hat eine Konkretisierung eines unspezifizierten Zeitraums vorgenommen. Aus einer passiven Rolle der Schiiten, die für einen nicht formulierten Zeitraum auf ihren Erlöser warten, brachte Chomeini die Schiiten in eine aktive Rolle. Die Schiiten sollten aktiv sein und sich gestaltend in die Bildung einer gerechten Gesellschaft einbringen. Ein weiterer Aspekt der schiitischen Überhöhung ist der Märtyrerkult, in dem es darum geht, sein Leben mit voller Begeisterung für sein Land, seinen Führer, für die Religion zu geben, in Erwartung paradiesischer Belohnungen. Eine Art Ablasshandel.

Verschärft wurde dieser Aspekt durch die wirren Thesen eines iranischen Gelehrten, die von seinen Schülern nach Chomeinis Tod in die Kaderschulungen der Revolutionswächter und Bassidschi im Zusammenhang mit der Staatsideologie eingeflochten wurden. Der sich auf Heidegger berufende Ahmad Fardid hat in den 70er Jahren eine Philosophie von der "Zeit nach dem Morgen" propagiert, die sein Schüler Prof. Reza Davari später in den Köpfen der Regime Ideologen verankert hat. Der Kern dieser Ideologie verteufelt den Westen und seine Errungenschaften und träumt von einer goldenen Zeit nach unserer Zeit. Die Anhänger werden ermutigt, aktiv für die schnelle Rückkehr des verborgenen Messias zu sorgen. Die Umstände der Rückkehr sind beschrieben: Ungerechtigkeit, Chaos, Blutvergießen. Während also Chomeini für eine aktive Gestaltung der Politik der sonst passiven Schiiten eintrat, brachte Fardid die nötige Prise Gift ins Spiel, um Gewalt mit dem Ziel der Zerstörung der Welt zu legitimieren und zu forcieren.

In den letzten Jahren haben sich grob gesehen zwei politische Fraktionen innerhalb des politischen Establishments gebildet. Zum einen existiert eine pragmatische-Reform-orientierte Fraktion, mit guten Beziehungen zum Westen, die hauptsächlich von einer gebildeteren Mittelschicht getragen wird. Zum anderen gibt es eine prinzipientreue-konservativ-fundamentalistische Fraktion. Die erste Fraktion stellt momentan die Regierung mit Präsident Rohani. Die zweite Fraktion neigt mehr zum Obersten Führer Ali Chamenei und seinen Anhängern bei den Pasdaran, Bassidschi und in der Justiz. Trotz einiger ernsten Differenzen in Bezug auf Methodik und Schwerpunkte in der Führung des Landes, ist die Erhaltung des Systems die gemeinsame Konstante beider Fraktionen. Der Präsident heißt zwar Rohani, doch seine Widersacher aus dem Lager des Obersten Führers Chamenei werfen seinen Initiativen Steine in den Weg und verhindern jegliche Änderungen. Ein Spiel das schon in der Zeit des pragmatisch orientierten Präsidenten Rafsandschani und des moderaten Präsidenten Chatami gespielt wurde.

Sie haben nichts außer dem Leben zu verlieren

Seit ungefähr zwei Jahren finden im Iran regelmäßig Proteste von Arbeitern gegen Arbeitsplatzabbau, Werksschließungen und Zahlungen ausstehender Löhne statt. Krankenschwestern, Lehrer oder Busfahrer bringen konstant ihre Anliegen in den Straßen vor. Sie lassen sich vertreiben, schlagen, inhaftieren, aber kommen wieder zusammen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Für weitere Unruhe sorgte der Skandal um die sogenannten Mālbāchtegān, die Geldverlierer. Viele Iraner hatten dem Versprechen einiger von der Iranischen Zentralbank gestützten Institute[32] auf bis zu 25% Gewinn vertraut. Ihre Einsätze sind komplett verloren. Proteste gegen das Zustandekommen dieser Verluste wurden zerschlagen, Protestierende inhaftiert.

All diese Umstände haben in den letzten Dezembertagen die Verzweifelten in den Provinzstädten auf die Straße strömen lassen, wo nicht nur die ökonomischen Bedingungen kritisiert, sondern beträchtlich viele Rufe für ein Ende des Regimes und dem Ende des Obersten Führers laut wurden. Wer im Iran auf die Straße geht und sich mit den Sicherheitskräften anlegt, muss schon sehr verzweifelt sein.

Die Rolle des Westens
Ist denn das Ende des Regimes in Sicht? Obwohl die Art der Demonstrationen für die allermeisten Iran Beobachter überraschend kamen, haben sie nicht die Wucht erreicht, die einen durchmilitarisierten Staat umwerfen könnten. Die bürgerliche Mitte in Teheran und anderen Großstädten hat wenig Hoffnung gehabt, dass diese Demonstrationen irgendwohin führen. Sie hat sich dieses Mal kaum beteiligt. Zu spontan hat sich der Volkszorn entladen. Die Richtung scheint nicht deutlich, Anführer mit politischen Gewicht haben gefehlt.

Die Solidarität eines großen Teils von Exiliranern in Norwegen, Schweden, den USA oder Deutschland war auf den Straßen und in den Medien dieser Länder zwar sichtbar und hörbar, doch die westlichen Regierungen sind sich uneins im Umgang mit Iran. Dadurch senden sie kein geschlossenes Signal einer eindeutigen Unterstützung an die oppositionellen Kräfte im Iran.

In den USA ist der Regime-Change mit der Machtübernahme durch den neuen Präsidenten durchaus eine favorisierte Option, auch wenn sich die wenigsten Verantwortlichen in ein militärisches Abenteuer stürzen wollen. Dieses Szenario liegt aber ebenfalls in den Schubladen der Sicherheitsdienste. Seit Jahren bestehen Kontakte zwischen Politikern wie John Bolton, Ted Kennedy, Newt Gingrich oder Rudy Giuliani und der Führerin der MEK, Marjam Rajavi[33]. Nach Jahren auf der Terrorliste, sind die Volksmudschahedin (MEK) sowohl in Europa als auch in den USA wieder davon gestrichen worden. Das Szenario einer militärischen Intervention in Iran sieht eine Beteiligung der straff organisierten Volksmudschahedin vor. In Nevada soll es Trainingscamps geben, wo Kämpfer der größten Oppositionsgruppe im Ausland auf einen Einsatz vorbereitet werden. Der von der Vorgängerregierung Obama vorgezeichnete Weg vertraute auf den Dialog mit den Kräften um Rohani. Um diese Position zu erreichen hat das Regime viele Lobbyisten und hohe Budgets eingesetzt. Einer der bekanntesten Lobbyisten in den USA für das Regime im Iran, ist Trita Parsi[34]. Er soll sehr gut vernetzt sein mit demokratischen Kräften in den USA.

Die Europäische Union hingegen favorisiert den Weg des Dialogs. Als Grundlage für die Dialoge betrachten die Europäer wirtschaftliche Beziehungen. Das Argument dazu lautet, nur wo es eine wirtschaftliche Beziehung gibt, kann man mit Druck agieren. Das mag so durchaus stimmen. Was die Europäer mit diesem Gedanken aber vernachlässigen, ist die Tatsache, dass in allen größeren Geschäften mit Iran die Revolutionsgarden involviert sind. Ihr Rolle, ihre Macht und ihr Dasein im Iran wird dadurch zementiert. Wir sollten nicht vergessen, dass die Revolutionsgarden ideologisch geschulte Kader mit einer Expansionsagenda sind. Die Hoffnung durch wirtschaftliche Beziehungen einen Sinneswandel einzuleiten, könnten trügerisch sein. Die Ultima Ratio der Garden ist ihre kämpferische Ideologie. Zu ihren Taktiken gehört dazu, sich möglichst im Hintergrund zu halten und andere vorzuschicken. In militärischen Interventionen sind es Afghanen, Libanesen, Iraker oder andere Nationalitäten, die verpflichtet werden, in wirtschaftlicher Hinsicht lassen sie im Westen ausgebildete und sich tendenziell eher westlich gebärdende Frauen und Männer die Geschäfte für sich abwickeln.

Neben den Volksmudschahedin gibt es im Ausland viele weitere oppositionelle iranische Gruppierungen. Die Volksmudschahedin werden als marxistisch-islamische Partei mit demokratischer Agenda beschrieben, während es viele weitere kommunistisch-orientierte Splittergruppen gibt. Weiterhin machen Kurden einen größeren Teil innerhalb der Auslandsopposition aus. Ihre Agenda reicht vom Sturz des Regimes bis zur Errichtung eines eigenen kurdischen Staats. Dazu kommen Iranerinnen und Iraner, die erst vor wenigen Jahren geflohen sind und die sich nicht als politische Opposition verstehen. Oft handelt es sich dabei um Anhänger von im Iran verfolgten Geistlichen wie Ajatollah Boroudscherdi[35] oder dem Begründer einer alternativen Heilmethode, Mohammad Ali Taheri[36] oder um Mitglieder des Nematollah Gonabadi Ordens[37]. Daneben gibt es bürgerlich gesinnte Exil-Iraner, die mit Religion oder Spiritualität nichts am Hut haben. In den USA leben viele Anhänger Reza Pahlavis[38], dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs, aber auch viele Exil-Iraner, die sich um Politik nicht scheren und im American-way-of-life aufgehen.

Aussichten

Man kann davon ausgehen, dass diese Unruhen kein CIA-Coup waren, auch wenn die gegenwärtige US-Administration ein Regime-change lieber heute als Morgen favorisieren würde. Europa hingegen geht konsequent den Weg des Wandel-durch-Handel und hält am Regime fest. Viele Iraner erleben diese Haltung als Appeasement und Leisetreterei. Sie werfen Europa vor, nur an Geschäften mit dem Iran interessiert zu sein. Wenn man Iraner nach der besten Lösung für ihr Land fragt, gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Die einen wollen aus Stabilitätsgründen das Regime behalten und langsame Reformen, die anderen wollen den Sturz des Systems und einen Neuanfang, manche rufen nach einem Referendum, in dem über die zukünftige Staatsform abgestimmt werden soll. Die einen wollen es aus eigener Kraft schaffen, andere wünschen sich härtere intelligente Sanktionen vor allem gegen Verantwortliche des Systems und deutlichere Worte gegenüber dem Regime. Eine militärische Option favorisiert nur eine ganz kleine Minderheit.

Manche bestehen darauf, dass die Geschäfte, die auf Europa warten, wenn die Menschen die Last des Regimes losgeworden sind, Geschäfte sein könnten, die sich doppelt lohnen. In den nächsten Monaten wird im Iran wenig Ruhe zu erwarten sein.

Welcher Ausgang zu erwarten ist, berührt die Frage, ob die Ameisen sich zusammentun, wie Sa'adi in diesem Gedicht schildert:

"Eine einzelne Ameise kann gegen den Drachen nichts ausrichten, doch wenn die Ameisen sich zusammentun, können sie den Drachen häuten."

Weitere interessante Links:

www.spiegel.de/spiegel/print/d-13526533.html

www.zeit.de/1987/36/der-koran-ist-unser-programm/komplettansicht

gholamasad.jimdo.com/artikel/zur-soziogenese-der-islamischen-republik-im-iran/

mehriran.de/artikel/messianische-entschlossenheit.html

www.defenddemocracy.org/media-hit/david-adesnik-iran-spends-16-billion-annually-to-support-terrorists-and-rogue-regimes/

www.epochtimes.de/politik/welt/ruhani-warnt-hardliner-islam-im-iran-schwindet-a2321099.html

www.fnp.de/nachrichten/politik/Ruhani-warnt-Hardliner-Islam-im-Iran-schwindet;art46560,2878720

www.tagesschau.de/ausland/iran-rouhani-107.html

www.atlanticcouncil.org/publications/issue-briefs/iran-in-iraq

de.qantara.de/inhalt/politische-unruhen-im-iran-ein-bumerang-fuer-die-hardliner

https://de.qantara.de/inhalt/proteste-in-der-islamischen-republik-keine-revolution-reloaded-in-sicht

https://www.iranhumanrights.org/2011/07/upon-completion-of-2-year-sentence-unionist-faces-new-trial/

https://www.welt.de/politik/ausland/article172188224/Anti-Regierungs-Proteste-Haben-sich-die-iranischen-Hardliner-verrechnet.html?wtmc=socialmedia.facebook.shared.web

https://www.npr.org/sections/parallels/2018/01/03/575276110/dont-oversimplify-the-protests-in-iran

https://www.tachles.ch/product/19501/payment

https://www.politico.com/magazine/story/2018/01/02/iran-protests-the-other-iran-216211

https://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Iranischer-Januar-Versuch-einer-Interpretation

[1] www.nzz.ch/international/schuldzuweisungen-unter-irans-maechtigen-ld.1346734

[2] iranjournal.org/gesellschaft/organhandel-lukratives-geschaeft-im-iran

[3] www.heise.de/tp/features/Der-iranische-Mythos-3405717.html

[4] http://m.spiegel.de/politik/deutschland/ajatollah-shahroudi-seine-leibwaechter-landeten-mit-waffen-in-frankfurt-a-1187479.html

[5] Weiterhin hat die Islamische Republik die höchste Exekutionsrate der Welt, wie der UN-Hochkommissar für Menschenrechte auf der letzten Sitzung des Menschenrechtsrats festhielt. Und weiterhin werden Menschenrechtsaktivisten als Staatsfeinde behandelt, wie ein Bericht von Amnesty International vergangenen Sommer herausstellte.

[6] alischirasi.blogsport.de/2018/01/08/iran-das-boese-ausland/

[7] Die Astan-Quds-Razavi-Stiftung verwaltet die Finanzen des Imam-Reza-Schreins

[8] Offizielle Zahlen behaupten nur 622 Menschen seien festgenommen worden. Es gibt auch Schilderungen, wonach 8.000 Menschen verhaftet wurden. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

[9] english.shabtabnews.com/2018/01/13/iranian-teachers-union-blames-protests-on-state-mismanagement/

[10] www.youtube.com/watch

[11] www.bbc.com/news/education-36321628

[12] www.zeit.de/politik/ausland/2013-09/Nasrin-Sotoudeh

[13] journalismisnotacrime.com/en/wall/kasranouri/

[14] tavaana.org/en/content/dr-mohammad-maleki-educator-freedom-fighter

[15] www.n-tv.de/wirtschaft/Revolutionsgarden-kaempfen-um-Pfruende-article17069091.html

[16] de.qantara.de/inhalt/revolutionsgarden-und-religioese-stiftungen-im-iran-die-strippenzieher-der-wirtschaft

[17] www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-und-irak-teure-kriegseinsaetze-fuer-iran-a-1011460.html

[18] http://m.dw.com/de/un-bericht-iran-verletzt-waffenembargo-im-jemen/a-42134048?maca=de-rss-de-top-1016-rdf

[19] www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2017A27_sbg.pdf

[20] www.theguardian.com/world/2018/jan/09/iran-reopens-investigation-into-rafsanjani-death

[21] iranjournal.org/news/iran-drei-todesfaelle-in-gefaengnissen

[22] www.nytimes.com/2018/01/07/world/middleeast/iran-protests-arrests.html, beta.latimes.com/world/la-fg-iran-protest-arrests-20180109-story.html, georgiatoday.ge/news/8709/Calls-for-Prisoners-to-be-Freed-Following-Protests-in-Iran

[23] www.dw.com/de/iran-proteste-die-rolle-der-telegram-app/a-42032480

[24] http://mehriran.de/artikel/nachrichten-aus-dem-schattenreich-irans-verborgene-machtstrukturen-pulsieren.html

[25] www.wired.de/collection/tech/iran-deal-die-hacker-die-trump-ruft

[26] rsf.org/en/news/how-iran-tries-control-news-coverage-foreign-based-journalists

[27] iranwire.com/en/features/4224, alischirasi.blogsport.de/2016/11/07/iran-die-hoechsten-diebe-ajatollah-sadeq-laridschani/

[28] de.qantara.de/inhalt/interview-mit-dem-religionsgelehrten-seyed-mostafa-azmayesh-mit-dem-koran-gegen-die

[29] mehriran.de/artikel/steinigungen-sind-verrat-am-islam.html

[30] www.spiegel.de/politik/ausland/bassidsch-brigaden-wir-lieben-den-tod-a-420539-2.html

[31] www.trimondi.de/H.Krieg/Ahmadinejad.htm

[32] Caspian Credit Institution, english.shabtabnews.com/2018/01/13/irans-supreme-leader-blames-protests-on-everyone-but-himself/ 

[33] deutsch.rt.com/international/52499-mek-iranische-terrororganisation-unter-westlichen/,

iranjournal.org/politik/iran-mudschahedin-rajavi

[34] www.tabletmag.com/jewish-news-and-politics/239003/parsi-niac-advance-irans-agenda

[35] www.amnesty.de/mitmachen/urgent-action/einschuechterungen-und-morddrohung

[36] www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/161108-mrhh-mohammad-ali-taheri/285008

[37] www.welt.de/debatte/kolumnen/Iran-aktuell/article6580210/Der-Tag-des-Derwischs-im-Iran.html

[38] rezapahlavi.org

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Goethe und der Zoroastrismus

Iran Journal - 15. Januar 2018 - 1:34

Johann Wolfgang von Goethe, der sich zeitlebens mit Persien verbunden fühlte, sah sich nicht nur in einer Seelenverwandtschaft zum Dichter Hafiz. Auch die Lehre und Praktiken Zarathustras, der im 1. Jahrtausend vor Christus lebte, inspirierten und faszinierten ihn.

Das Gute und das Böse und der Kampf dieser Gegensätze existiert seit Menschengedenken und kumuliert sich fortan in altbekannten Mustern. Nicht anders in der Geschichtsauffassung des heiligen Augustinus, in Hegels Dialektik und in religiösen Lehren wie beispielsweise dem Zoroastrismus.

Dieser Dualismus strömte fortan aus seinen Inspirationsquellen tief in die Adern der geistigen Welt und trifft bis heute auf Dichter und Denker. Wen verwundert es also, dass sich seinerzeit Goethe mit der Lehre und den Praktiken des antiken Propheten Zarathustras beschäftigte und sich bei Fausts teuflischen Gegenspieler, dem listigen Mephisto, von dem geistig verdunkelten Wesen Ahriman aus dem Avesta – dem Heiligen Buch des Zoroastrismus – inspirieren ließ.

Aber auch die zoroastrischen Opfergaben finden sich in Goethes Bedeutungsfeldern wieder und verdienen einen Blick. Ebenso wie die Frage, ob es ihm am Ende ähnlich wie Aristoteles, Voltaire, Nietzsche und Kant erging und die moralische Triebkraft der zoroastrischen Lehre auf ihn wirkte.

Sprache als Mittel der intuitiven Offenbarung

Das Wort und dessen Bedeutung liegt nach Auffassung des Dichterfürsten einer inneren und natürlichen Notwendigkeit zugrunde. Die Verwendung sprachlicher Einheiten ist an die Leidenschaft des Dichters gebunden. Das Konstrukt Sprache versteht er somit als ein Mittel der intuitiven Offenbarung.

Mit diesem Verständnis erklärt Goethe den Zusammenhang zwischen der Religion der alten Perser und dem späteren Aufblühen der Dichtkunst im Orient. Sie ist es, welche nach dem Empfinden Goethes Sinn und Geist verbindet und zu einer Einheit formt. Eine Einheit, die sich aus dem Ursprünglichen, dem Natürlichen herausgebildet hat, wie die Sprache selbst.

Zoroastrier bei einer religiösen Zeremonie

 

Macht der Elemente

Die goetheschen Bedeutungsfelder Feuer, Himmel und Pflanze wie sie sich beispielsweise im Faust-Drama und dem West-Östlichen Divan entdecken lassen, sind ebenso in der zoroastrischen Lehre verankert, gar Dreh- und Angelpunkt ihrer Idee. So lässt Goethe Faust erklären: Wer sie nicht kennte / Die Elemente, / Ihre Kraft / Und Eigenschaft, / Wäre kein Meister / Über die Geister.

Wobei dem Element des Feuers im Zoroastrismus eine tragende Rolle zukommt: für jede Opferhandlung wird ein reines Feuer neu entzündet, das dann sogleich den Mittelpunkt der Veranstaltung verkörpert. Damit unterscheidet sich die spirituelle Tradition der Zoroastrier insofern von antiken Tempel- und Kultpraktiken, als dass nicht gottähnliche Wesen, sondern das Feuer selbst Verehrung findet.

Für Goethe schien dies eine außerordentlich glückliche Fügung: Zoroastrismus in Persien, dem Land der Dichtung, dem Land seiner zweiten dichterischen Heimat, war nicht irgendeine Religion, sondern eine Naturreligion – „die Religion der Feueranbeter“ – vorausgegangen, zu der er eine Verwandtschaft verspürte.

Goethe sah im Zoroastrismus den „Kern der persischen Nation“. Im Buch der Parsen feiert er die in der Diaspora verbliebenen Feueranbeter, die im Zuge der arabischen Eroberung in ihrer zoroastrischen Ausübung nicht mehr sicher waren.

Und in seinem Lichte fortzuwandeln

Mit der Tatkraft und Lebensbejahung des Zoroastrismus konnte sich Goethe identifizieren. So auch mit Ahura Mazda, dem Gott des Lichtreiches, der im Glanz der Sonne erstrahlt und über der Lehre des Aktionismus, die an Fleiß, Reinheit und Treue geknüpft ist, thront. Der Religionsstifter kommt gar einem „Reformer ökonomischer Lebensbedingungen“ gleich, formuliert Herbert Preisker in seinem Essay über Goethes Stellung zu den Religionen im West-Östlichen Divan folgerichtig.

Das Feuer im zoroastrischen Feuertempel Yazd, im Zentral-Iran, brennt angeblich seit mehr als 1.500 Jahren

 

In einem Gespräch mit Johann Peter Eckermann bringt Goethe zum Ausdruck, dass für ihn Christus und die Sonne als zwei gleich erhabene Offenbarungen Gottes zu verstehen sind und fährt fort: „Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren, so sage ich abermals: durchaus! Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarung des Höchsten, (…)“.

Mephisto und Ahriman

Zentral ist außerdem, dass dem Guten das Böse durchweg demonstrativ gegenübergestellt wird; so auch Ahriman, dämonisierter Feind und Gegenspieler des Ahura Mazdas, der sich gegen den „Herrn der Weisheit“ stellt und den Dualismus zwischen Recht und Unrecht und dem eingangs erwähnten Kampf zwischen Gut und Böse demonstriert, regelrecht befeuert.

Mephisto, der teuflische Alleskönner aus dem Faust-Drama, der es liebt, anderen eine Grube zu graben, keinem seine Identität preisgibt, ist dennoch nichts Anderes als ein von Gott geschaffenes Element, das seinerseits Elemente transportiert: So ist denn alles, was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz, das Böse nennt, / Mein eigentliches Element – ähnlich dem Ahriman.

Aber nicht nur das diabolische Sein verbindet die beiden Widersacher. Darüber hinaus erfüllen sie eine entscheidende Funktion: ohne sie gäbe es keinen Dualismus, nichts dass das Gute hervorhebt, sie bilden ihre Einheit somit in der Gegensätzlichkeit zum Anderen.

Sich an der Natur und dem Guten im und um den Mensch herum zu orientieren – der moralischen Triebkraft des Zoroastrismus – fühlt sich Goethe ebenso wie Nietzsche, der dies in seinem dichterisch-philosophischen Werk „Also sprach Zarathustra“ zum Ausdruck brachte, eng verbunden.♦

  MELANIE CHRISTINA MOHR

© Qantara.de 

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Sie verlangen Freiheit

MehrIran - 13. Januar 2018 - 23:39

mehriran.de - Seit Jahren stehen Frauen und Männer, die im Iran geboren wurden und in Deutschland eine sichere Heimat gefunden haben, am Samstag auf dem Ida-Ehre-Platz mitten in Hamburg und protestieren beharrlich und stumm gegen Menschenrechtsverletzungen im Iran. Es ist wie ein Ritual, es gehört zu Hamburg, so wie das Konsulat der Islamischen Republik Iran oder die Bank Melli Iran an der Holzbrücke. Das zeigt auch die beiden Gesichter und Stimmungen in der Stadt gegenüber dem Regime. Einerseits, der Linie der Bundesregierung folgend, sind gewichtige Erwartungen an Handelsbeziehungen geknüpft, andererseits gibt es neben den Stimmen der Exil-Iraner auch viele Bürgerinnen und Bürger, die sich gegen das Regime aussprechen, weil sie von den rabiaten Menschenrechtsverletzungen und anderen Umständen im Iran hören.

In Karlsruhe haben sich seit zwei Wochenenden Iranerinnen und Iraner ohne politische Zugehörigkeit versammelt. Sie wenden sich an die Mitbürgerinnen und Mitbürger und erläutern, warum sie auf die Straße gehen. Ihre Schilder gleichen den Aufrufen aus dem Iran. Sie fordern eine Ende der Diktatur, ein Ende der Herrschaft Ali Chameneis, keine Geschäfte mit den Mullahs und protestieren gegen Mahmoud Schahrudi, einen Regimevertreter, der in seiner Amtszeit unter anderen Todesurteilen auch Steinigungen und Kinderexekutionen angeordnet hat. Schahrudi hat sich vor Kurzem in einer deutschen Privatklinik behandeln lassen. Als bekannt wurde, dass er sich in Deutschland aufhält, brach ein Proteststurm los und mehrere Strafanträge wurden gegen ihn gestellt. Hals über Kopf hat er mit seinen Leibwächtern schließlich vor Ende der behandlung die Flucht ergriffen und ist zurück in den Iran geflohen.

Schirin Mazandan © mehriran.de

 

 

 

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Zeittafel zur Geschichte des Irans

MehrIran - 13. Januar 2018 - 18:59

  

Um 3200 bis 2400 v. Chr. Die Summerer wandern in Mesopotamien ein und bilden die erste Hochkultur des alten Orients. Um 3000 entwickeln sie die Keilschrift. Nach 3000 Die Akkader, arabische Semiten, kommen nach Mesopotamien und vermischen sich mit den Sumerern. Um 2500 Das Reich von Elam mit der Hauptstadt Susa entsteht. 2400 bis 2200  Erste Hochblüte der Dynastie Akkad.  Um 2200  Arische Stämme aus Zentralasien beginnen, über das Elbursgebirge nach Süden vorzudringen. Die eroberten Gebiete nennen sie Iran, Land der Arier.  Um 2100  Abraham verlässt mit seinem Stamm Mesopotamien und lässt sich in Kanaan nieder.  1728 bis 1686  Hochblüte des Babylonischen Reiches, König Hammurabi verfasst ein vorbildliches Gesetzeswerk.  Um 1250  Die Aramäer, arabische Semiten gründen Kleinstaaten an Euphrat und Tigris.  Um 1000 oder 900  Die arischen Stämme der Meder und Perser wandern aus Südrussland ein und siedeln westlich des heutigen Täbris.  Um 800  Die Perser lassen sich im Gebiet des heutigen Schiras nieder und machen es zu ihrem Stammland Parsa.  708  Deiokes begründet das Mederreich mit der Hauptstadt Ekabatana.  Um 700  In der iranischen Landschaft Parsa entsteht unter Achämenes die Dynastie der Achämeniden.  636  Die Assyrer zerstören das Reich von Elam.  635  Die Meder erobern große Teile des Irans, die Perser werden ihre Vasallen.  Um 630  Zarathustra wird bei Baktra (Afghanistan) geboren.  Um 610  Zarathustra begibt sich zur Meditation in die Einsamkeit und begründet während der folgenden zwei Jahrzehnte seine Religion.  604 bis 562  Blüte des Neubabylonischen Reiches unter Nebukadnezar.  590  Zarathustra muss aus seiner Heimat Baktrien fliehen.  587  Nebukadnezar zerstört Jerusalem und führt große Teile des jüdischen Volkes in die sogenannte Babylonische Gefangenschaft.  559  Kyros II. wird Herrscher der medischen Provinz Parsa.  Um 553  Zarathustra stirbt (vermutlich als Märtyrer).  550  Kyros erobert die medische Hauptstadt Ekbatana.  546  Kyros verleibt Kleinasien seinem Reich ein.  540 bis 539  Kyros erobert Belutschistan, Baktrien und Babylon. Persien wird Weltmacht.  538  Kyros entlässt die Juden aus der Babylonischen Gefangenschaft.  

530  

Kyros fällt im Kampf gegen die Skythen. Nachfolger wird sein Sohn Kambyses II.

525  Kambyses II. unterwirft Ägypten.  522 bis 486  Dareios I. regiert. Unter seiner Herrschaft wird die Ostgrenze bis zum Industal (512) ausgedehnt.  508/507  Kleisthenes schafft die Grundlagen zur attischen Demokratie.  490  Die Athener besiegen die Truppen des Dareios bei Marathon.  486 bis 465  Xeres I., Sohn des Dareios, regiert.  480/479  Die Perser unter Xeres siegen gegen die Griechen in der Schlacht bei den Thermopylen und zerstören Athen mit der Akropolis. Aber in der Seeschlacht von Salamis und bei Platää siegen die Griechen.  465 bis 424  Unter Artaxerxes I. zerfällt Persiens Macht im Westen.  449  Die Athener besiegen die Perser in der Doppelschlacht von Salamis auf Zypern. Ende der Perserkriege.  423 bis 404  Dareios II. Regiert. Ägypten kann sich durch einen Aufstand von Persiens Herrschaft befreien.  333 bis 323  

Alexander der Große zerstört das persische Großreich. Mit der Ermordung von Dareios III. erlischt 330 die Dynastie der Achämeniden.  

333 Sieg bei Issos, 331 Eroberung von Babylon und Susa, 330 Zerstörung von Persepolis, 325 Vorstoß bis Indien, 323 Tot Alexanders in Babylon.  

323 bis 280  

Nachfolgekämpfe unter den Generalen Alexanders um die Herrschaft im eroberten Weltreich.  

312 gelangen die Seleukiden in der Osthälfte zur Herrschaft.  

250 v. Chr. bis 225 n. Chr.  Der iranische Stamm der Parther besiegt die Seleukiden. Die Parther begründen die Dynastie der Arsakiden.  225 bis 651  Die persischen Sassaniden besiegen die Parther und errichten das Neupersische Reich. Hauptstadt ist Ktesiphon.  260  Der Sassanide Schapur I. nimmt in der Schlacht von Edessa den römischen Kaiser Valerian gefangen und erobert Mesopotamien.  531 bis 579  Unter Chosru I. erreicht das Sassanidenreich seine größte Ausdehnung: von Mesopotamien bis zum Indus. Höhepunkt sassanidischer Kultur. Seide aus China und das Schachspiel aus Indien gelangen zum ersten Mal in den Westen.  Um 570  Mohammed wird in Mekka geboren.  602 bis 627  Persien und das Byzantinische Reich führen Krieg, aus dem beide Großmächte sehr geschwächt hervorgehen.  610  Mohammed beginnt in Mekka zu predigen.  622  Mohammed muss mit seinen Anhängern von Mekka nach Medina fliehen. Die Hedschra (= Auswanderung) markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung.  632  Mohammed stirbt. Arabien ist dem Islam unterworfen.  632 bis 634  Kalif (= Nachfolger) Abu Bekr unternimmt erste Eroberungszüge nach Syrien und Persien.  634 bis 644  Kalif Omar erobert Syrien, Palästina und weite Teile Persiens.  644 bis 656  Kalif Osman (Othman) legt die erste schriftlich fixierte Ausgabe des Korans vor.  651  Yesdegerd III. wird auf der Flucht ermordet. Damit endet das Geschlecht der Sassaniden. Ihr Großreich ist fast völlig den Arabern unterworfen.  656 bis 661  Ali, Vetter und Schwiegersohn des Propheten, ist Kalif. Unter seiner Regierung bahnt sich die islamische Religionsspaltung an.  661 bis 680  Nach Alis Ermordung wird Muawijas Kalif und begründet die Dynastie der Omaijaden. Er macht Damaskus zu seiner Residenz.  680  Alis Sohn Hussein meldet nach Muawijas Tod Thronansprüche an. Muawijas Sohn Yesid aber lässt Hussein bei Kerbela (Irak) töten. Nach dem Mord am Prophetenenkel ist die Religionsspaltung nicht mehr aufzuhalten. Während der zwei folgenden Jahrhunderte bilden sich zwei unversöhnliche Gruppierungen: Sunniten und Schiiten.  711/712  Die Araber erobern im Westen Spanien und dringen im Osten in das Indusgebiet ein.  743  Kalif Walid II. übernimmt als erster moslemischer Herrscher aus Persien den Brauch des Harems.  749/750  Die Dynastie der Omaijaden wird durch Sunniten und Schiiten aus Persien gestürzt. Die arabisch-persische Dynastie der Abbasiden kommt zur Macht, bekennt sich zum sunnitischen Glauben und bekämpft die Schiiten.  754 bis 775  Kalif Mansur wird zum Begründer der Abbasidendynastie. Er macht Bagdad zu seiner Residenz und führt das persische Hofzeremoniell der Sassaniden ein.  762  Ismail, der umstrittene 7. Imam der Schiiten, stirbt.  773  Kalif Mansur lässt das indische Rechensystem in seinem Reich einführen. Die Zahlen werden während des 13. Jahrhunderts in Europa als arabische Zahlen bekannt.  786 bis 809  Harun al Raschid, ein Zeitgenosse Karl des Großen, macht Bagdad zur prächtigsten Stadt der damaligen Welt.  793  Die in China erfundene Papierherstellung gelangt über Samarkand nach Bagdad.  813 bis 833  Mamun, Harun al Raschids Sohn, führt das Abbasidenreich zur höchsten kulturellen Blüte. Islamische Wissenschaftler und Philosophen beginnen persische und griechische Werke zu studieren.  821 bis 873  Die Dynastie der Tahiriden herrscht in Chorassan. Nominell ist sie noch den Abbasiden untergeordnet, regiert aber faktisch selbständig.  Um 825  Der Perser Al Khwarizmi entwickelt in Bagdad die Algebra und das Rechnen mit Logarithmen.  Seit 833  Unter Kalif Mutasim beginnt der politische Zerfall des Abbasidenreiches. Türkische Gardetruppen kommen zunehmend zu Einfluss und schwächen die Macht des Kalifen.  864 bis 999  Die sunnitische Dynastie der Samaniden steigt auf und wird um 900 zur beherrschenden Macht im östlichen Iran. Ihre Hauptstadt ist Buchara.  868  Die Bewegung der „Siebener-Schiiten“ entfacht unter Ali ibn Mohammed den ersten Sklavenaufstand gegen die Abbasidenkalifen.  874  Mohammed al Muntasar, der zwölfte Imam der Schiiten, wird unter ungeklärten Umständen ermordet. Jahrzehnte nach seinem geheimnisvollen Verschwinden bildet sich die Lehre vom Verborgenen Imam. Die Bewegung der Zwölfer-Schiiten entsteht.  899  Hamdan Qarmat, Sozialrevolutionär aus der Bewegung der Siebener-Schiiten, entfacht den zweiten großen Sklavenaufstand gegen die Abbasiden und gründet am Persischen Golf einen Staat mit kommunistischen Eigentumsidealen (besteht bis etwa 940).  Um 930  In Bagdad einstehen große Teile von Tausendundeiner Nacht.  Um 930 bis 1055  Die Buijden, Zwölfer-Schiiten, beginnen Teile Persiens zu erobern und bleiben ein Jahrhundert lang eine bestimmende Macht.  936  Der Gardeführer Mohammed ibn Raiq nimmt den Abbasidenkalifen vollends die politische Macht.  940  Firdusi wird in Tus (Provinz Chorassan) geboren.  969 bis 1171  Die schiitischen Fatimiden regieren in Ägypten und Syrien. Ihre Kalifen bedrohen das sunnitische Kalifat von Bagdad. Die geistige Einheit des islamischen Kulturraums ist für alle sichtbar zerrissen.  977 bis 1186  Die sunnitische Dynastie der Ghaznaviden beherrscht von Ghazni aus große Teile des östlichen Iran. Ihr machtvollster Sultan wird Mahmud von Ghazni.  978  Firdusi beginnt, in Buchara an seinem Königsbuch zu arbeiten.  980  Avicenna (Ibn Sina) wird bei Buchara geboren.  998  Firdusi wechselt an den Hof des Mahmud von Ghazni über und stellt dort im Jahr 1012 sein Königsbuch fertig.  1021  Firdusi stirbt in Tus.  1037  Avicenna stirbt in Hamadan. Die Seldschucken erobern Chorassan.  1045  Omar Chaijam wird in Neischapur (Chorassan) geboren.  1051  Der Seldschukenfürst Togrul macht Isfahan zur Residenz seines Reiches.  1055  Togrul rückt in Bagdad ein und wird Schutzherr des Kalifen.  1071  Die Seldschuken erobern Anatolien, das zur Keimzelle eines späteren Großtürkischen Reiches wird.  1080  In Anatolien begründet der Seldschukenführer Suleiman das eigenständige Sultanat von Rum mit Konya als Hauptstadt. Der persische Einfluss bleibt beträchtlich.  Um 1090  Hasan as-Sabah, ein Siebener-Schiit, begründet den Orden der Assassinen.  1096 bis 1270  Das Zeitalter der Kreuzzüge.  1122  Omar Chaijam stirbt in Neischapur.  1184  Saadi wird in Schiras geboren.  1194  Die Seldschuken verlieren ihre Macht in Persien, autonome Kleinfürstentümer entstehen.  1220  Die Mongolen unter Dschingis-Khan erobern Persien. Ein Jahrhundert der Verwüstung folgt.  Um 1230  Über Sizilien und das maurische Spanien gelangen zum ersten Mal Schriften islamischer und griechischer Autoren ins christliche Europa, ebenso die arabischen Zahlen.  1255 bis 1336  In Persien regieren die mongolischen Il-Chane.  1258  Die Mongolen zerstören Bagdad. Ende des abbasidischen Kalifats. Nach der Vernichtung dieses überragenden islamischen Kulturzentrums hört das Arabische auf, die völkerverbindende Gelehrtensprache aller Moslems zu sein. Das Persische und bald auch das Türkische werden zur Konkurrenz.  1282  Saadi stirbt in Schiras.  1301  Der sunnitische Derwischscheich Safi ad-Din gründet den Orden von Ardebil.  1309  Der Il-Chan Oltschaitu tritt zum schiitischen Glauben über.  1316  Oltschaitus Nachfolger Abu Sa'id wechselt zum sunnitischen Islam. In den nächsten Jahrzehnten folgen fast alle mongolischen Fürsten diesem Beispiel, damit bleibt in Persien weiterhin die Vorherrschaft des sunnitischen Islam bestehen.  1326  Hafes wird in Schiras geboren. Die Osmanen erobern Bursa und machen die Stadt zur Residenz ihres aufstrebenden Reiches.  1369 bis 1405  Der Mongolenkhan Timur fällt in Persien ein und begründet die Dynastie der Timuriden. Hauptstadt ist Samarkand, ein neues Kulturzentrum des Islams.  1380 bis 1501  Die Timuriden regieren in Persien. Unter ihrer Herrschaft kommen die Technik der bunten Fayenceverkleidung und die Miniaturmalerei zur besonderem Glanz.  1390  Hafes stirbt in Schiras.  1392  Der Derwischorden Ardebil wendet sich unter Hodscha Ali den Zwölfer-Schiiten zu und wird sozialrevolutionär.  Um 1450  Der Ordensstaat von Ardebil organisiert sich militärisch und erlangt großen Einfluss im nordwestlichen Iran und in Ostanatolien.  1453  Die Osmanen erobern unter Sultan Mehmed II. Konstantinopel. Ihr Reich ist damit endgültig die beherrschende Großmacht des Islams.  1453 bis 1478  Türkische Lokaldynastien in Nordpersien schwächen die Macht der Timuriden entscheidend. Persien ist in zahlreiche Fürstentümer zersplittert.  1501 bis 1524  Ismail, der Ordensführer von Ardebil, erobert Persien und den Irak. Er führt den Glauben der Zwölfer-Schiiten als Staatsreligion ein. Innerhalb eines Jahrzehnts bekennen sich alle Kernprovinzen Persiens zu Schia (bis heute).  1501 bis 1722  Die von Ismail begründete schiitische Dynastie der Safawiden regiert. Sie belebt die altpersische Tradition des Gottkönigstums wieder.  1514  In der Schlacht von Tschaldiran unterliegen die Perser dem sunnitischen Osmanensultan Selim I. Den weiteren Eroberungen der Schiiten ist Einhalt geboten.  1516  Die Osmanen unter Selim I. erobern Syrien und Ägypten.  1524 bis 1576  Unter Ismails Nachfolger Tamasp verlieren die Perser den Irak an die sunnitischen Osmanen.  1587 bis 1629  Nach einem Jahrzehnt der Thronwirren wird Abbas I., der Große, Schah. Unter seiner Regierung erreicht das Safawidenreich die höchste Blüte.  1616  Abbas erobert den von den Türken besetzen Irak zurück.  1629 bis 1722  Unter Abbas schwachen Nachfolgern verliert das Amt des Schahs stark an Ansehen. Der Einfluss der schiitischen Geistlichkeit auf die Politik nimmt zu.  1638  Die Osmanen erobern den Irak zurück, der bis 1918 von ihnen beherrscht wird.  1722  Sturz der Safawiden durch die afghanische Dynastie von Kandahar.  1730 bis 1747  Nadir vertreibt 1729 die Afghanen und lässt sich zum Schah krönen. 1739 erobert er Teile Indiens und bringt aus Dehli den berühmten Pfauenthron der Moguln nach Persien. Nach seiner Ermordung herrscht Anarchie.  1747  Afghanistan löst sich von dem geschwächten Persien und begründet ein unabhängiges Königreich. Der Staat existiert bis heute.  1794 bis 1797  Nach langen Machtkämpfen gelangt in Persien Mohammed Kadschar auf den Thron und begründet die Dynastie der Kadscharen.  1794 bis 1925  Unter der Dynastie der Kadscharen gelangt Persien zunehmend unter das Diktat europäischer Mächte. Despotische Herrscher und fortschrittsfeindliche Mullahs verhindern jede durchgreifende Reform. Persien wird Entwicklungsland.  1796  Teheran wird Hauptstadt Persiens.  1825 bis 1828  Nach einem verlorenen Krieg muss Persien an Russland den Kaukasus mit Baku, Teile von Aserbeidschan und Georgien abtreten.  1844  Die religiöse Sekte der Babi, der späteren Baha'i, entsteht.  1848 bis 1864  Verfolgung und Vertreibung der Babi. Hinrichtung ihres Führers Seyyid Ali Mohammed 1850 auf Veranlassung des Schahs Naser ad-Din.  1856/1857  Persien versucht, Afghanistan zurückzuerobern. Aber die Briten greifen militärisch ein und zwingen den Schah Naser ad-Din, die Unabhängigkeit Afghanistan anzuerkennen.  1863  Aus der Sekte der Babi geht die Bewegung der Baha'i hervor. Nach der Vertreibung ihrer Führer aus Persien wird Haifa in Palästina ihr Zentrum.  1868  Die Russen erobern Turkestan mit Buchara und Samarkand. Diese einst glanzvollen persischen Kulturzentren bleiben bis zur Auflösung der Sowjetunion 1991 unter russischer Herrschaft.  1872  Die bankrotte Regierung unter Schah Naser ad-Din überlässt Großbritannien einen Teil seiner Bodenschätze gegen relativ geringe Gewinnbeteiligung.  1878  Die Kosakenbrigade als Truppenteil der persischen Polizei wird geschaffen. Sie steht unter dem Kommando russischer Offiziere. Reza Pahlavi wird in der Provinz Masanderan geboren.  1889  Die persische Regierung unter Schah Naser ad-Din tritt an Großbritannien das Recht ab, wichtige Vorkommen an Edelmetallen auszubeuten.  1896  Schah Naser ad-Din wird von einem persischen Nationalisten erschossen.  1901  Die Konzession für Erdölbohrungen in Persien wird von Schah Muzaffar ad-Din an die Briten vergeben.  1905/1906  In Teheran bricht eine Revolution aus. Protestiert wird gegen die unfähige Regierung und die rasche Zunahme des ausländischen Einflusses. Schah Muzaffar ad-Din muss der Bildung eines Parlaments und einer konstitutionellen Monarchie zustimmen.  1908  Schah Mohammed Ali löst das Parlament auf und befiehlt, seine Führer hinzurichten. Den darauf folgenden Volksaufstand lässt er blutig niederschlagen; russische Truppen helfen ihm. Erste Erdölfunde in Persien.  1909  Aufständische zwingen Ahmad Schah, das Parlament wieder einzusetzen. Er regiert seitdem in einer konstitutionellen Monarchie (bis 1925)  1911  Das persische Parlament löst das Justizministerium auf, das unter geistlichem Einfluss steht. Ein bürgerliches Gesetzbuch nach französischem Vorbild wird ausgearbeitet.  1918  Nach dem Ende des ersten Weltkriegs nimmt der britische Einfluss in Persien noch weiter zu. Persiens Wirtschaft steht völlig unter Kontrolle der Briten.  1919  Die persische Regierung veranlasst die Einführung von Mädchenschulen, bisher undenkbar. Scharfer Widerstand der Geistlichkeit. Mohammad Reza Pahlavi, Persiens letzter Schah, wird in Teheran geboren.  1921  Reza Khan, Kosakenoffizier, stürzt durch einen Militärputsch die Regierung in Teheran. Formell bleibt Ahmad Schah im Amt. Tatsächlich aber regiert Reza Khan.  1922  Das Osmanenreich bricht zusammen. Der letzte Osmanensultan Mehmed VI. Geht ins Exil, während Mustafa Kemal (Atatürk) die Macht ergreift.  1923  Reza Khan wird Premierminister.  1924  Atatürk unterbindet allen Einfluss islamischer Rechtsgelehrter auf die Politik und lässt die Koranschulen schließen.  1925  Reza Khan erklärt Ahmad Schah Kadschar für abgesetzt. Damit endet die Kadscharen-Dynastie. Reza Khan besteigt als Schah Reza Pahlavi den Thron.  1925 bis 1979  Die Dynastie Pahlavi regiert absolut. Das Parlament besteht zwar formell weiter, darf aber keine demokratische Kontrolle ausüben. Unter Pahlavi wird der Iran energisch und rücksichtslos zugleich modernisiert. Neue Spannungen mit der Geistlichkeit, aber auch mit den ärmeren Volksschichten entstehen.  Seit 1925  Im Iran wird die islamische Zeitrechnung, in Mondjahren gerechnet, nach westlichem Vorbild durch die Rechnung nach Sonnenjahren ersetzt.  1927  Reza Schah Pahlavi prügelt in Ghom öffentlich einen Mullah, der seine Reformen zu kritisieren wagt. Die Kluft zwischen Regierung und Geistlichen ist seitdem nicht mehr zu überbrücken.   1928  Reza Schah Pahlavi schließt islamische Rechtsgelehrte von allem Einfluss auf Politik und Religion aus.  1934  Reza Schah Pahlavi weist die Universität von Teheran an, von nun an auch Studentinnen aufzunehmen.  1935  Reza Schah Pahlavi lässt die amtliche Bezeichnung Persia (Persien) durch Iran ersetzen. Die Regierung setzt sich verstärkt für eine Rückbesinnung auf iranische Traditionen ein.  Um 1935  Chomeini erwirbt in Ghom den höchsten akademischen Grad. Seine Vorlesungen über islamische Moral finden regen Zulauf.  1940  Mahmoud Dowlatabadi wird im Dorf Dowlatabad geboren, Ali Khamenei in Täbris.  Um 1940  Chomeini wird Ajatollah.  1941  Großbritannien und die Sowjetunion besetzen den Iran. Reza Schah Pahlavi muss aufgrund seiner Parteinahme für die Deutschen im Zweiten Weltkrieg abdanken und dem 22jährigen Sohn den Thron überlassen.  1941 bis 1979  Mohammad Reza Pahlavi regiert.  1943  Mohammed Khatami wird in Ardakan geboren.  1944  Reza Schah Pahlavi stirbt im Exil in Johannesburg.  1945  Abdolkarim Soroush wird in Teheran geboren.  1946  Die Sowjets weigern sich, ihre Truppen aus Aserbaidschan abzuziehen. Nur die Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen von Seiten der USA kann Stalin daran hindern, die iranische Provinz der Sowjetunion einzugliedern.  1949  Die neue Verfassung ermächtigt den Schah, das Parlament im Notfall aufzulösen.  1951 bis 1953  Mohammed Mossadegh ist Premierminister. Er verstaatlicht die Ölindustrie und zwingt die Briten, den Iran zu verlassen. 1953 muss der Schah fliehen, kann jedoch zurückkehren, nachdem loyale Truppen – mit Hilfe des amerikanischen Geheimdienstes CIA – Mossadegh gestürzt haben.  1957  Die Savak, die gefürchtet Geheimpolizei des Iran, wird gegründet.  1961  Nach dem Tod des Schiitenführers Ajatollah Borudscherdi können sich die maßgebenden Geistlichen des Irans auf kein neues Oberhaupt einigen. Ajatollah Chomeini steht in der vorderen Linie der Bewerber.  1963  Der Schah verkündet das Wahlrecht der Frauen. Dieses Gesetz und die Bodenreform Weiße Revolution stoßen bei der Geistlichkeit auf heftigen Widerstand. Zum ersten Mal tritt Chomeini politisch hervor.  1964  Chomeini wird wegen seiner politischen Aktivitäten aus dem Iran verbannt. Bis 1965 lebt er im Exil in Bursa (Türkei), dann übersiedelt er nach Nedschef (Irak).  1965  Im Iran entsteht die gegen den Schah gerichtete Bewegung der Volks-Mudschaheddin. Ihr Führer ist Massud Radschawi.  1967  

Im Iran wird das Scheidungsrecht zugunsten der Frau verändert. Der Mann kann seine Ehefrau nicht mehr ohne Angaben von Gründen verstoßen.

Mohammad Mossadegh stirbt in Teheran.  

1968  Durch einen Putsch erringt im Irak die Baath-Partei die Alleinherrschaft. Stellvertreter des Partei- und Regierungschefs Hasan al-Bakr wird Saddam Hussein.  Um 1970  Die sogenannte Islamische Wiedergeburt als Massenbewegung nimmt ihren Anfang. Immer mehr moslemische Staaten beginnen, die Verwestlichung öffentlich abzulehnen, und fordern die Rückbesinnung auf die traditionellen Werte des Islam.  1974  Khatami tritt der Organisation Kämpfende Geistlichkeit bei.  1976  Der Schah verkündet per Gesetz eine iranische Zeitrechnung, beginnend mit Kyros dem Großen. Aber Volksunruhen unter der Führung von Geistlichen zwingen ihn, wieder zur islamischen Zählung zurückzukehren.  1977  In Nedschef ermorden im November Savak-Agenten Chomeinis ältesten Sohn Mustafa.  1978  Die Regierung des Irak, vom Schah unter Druck gesetzt, verweigern Chomeini ein weiteres Exil. Chomeini übersiedelt nach Neauphle-le-Chateau bei Paris und schürt von dort die Unruhen im Iran.  1979  Schah Mohammed Reza Pahlevi flieht am 16. Januar aus dem Iran. Damit endet die Dynastie der Pahlevi. Chomeini kehrt am 1. Februar in den Iran zurück. Nach einer Volks-abstimmung im März wird am 1. April die Islamische Republik Iran ausgerufen.  

Im Juni wird Saddam Hussein unumschränkter Diktator des Irak.

Im Dezember wird die Verfassung der Islamischen Republik durch eine Volksabstimmung legitimiert. Die politischen Richtlinien gehen nun offiziell allein von geistlichen Führern aus.  1980  

Am 25. Januar wird Banisadr durch Volkswahl der erste Staatspräsident der Islamischen Republik.  

Khatami wird als Abgeordneter ins Parlament gewählt.  

Mohammed Reza Pahlevi stirbt am 27. Juli im Exil in Kairo an Krebs.

Im September beginnt Saddam Hussein den Krieg gegen den Iran, um die Vorherrschaft im Schatt el Arab zu erringen.  1981  Am 22. Juni entlässt Chomeini Staatspräsident Banisadr wegen schwerer Differenzen aus dem Amt. Nachfolger wird Ali Radschaí.  

Ende Juni wird Ajatollah Beheschti zusammen mit 72 geistlichen Politikern bei einem Bombenattentat durch die Volks-Mudschaheddin getötet.

Ende August stirbt Staatspräsident Radschaí nach nur 33 Amtstagen durch ein Attentat. Er ist der letzte weltliche Staatspräsident. Ihm folgen nur noch Geistliche. Den Anfang macht Ali Khamenei, er erhält am 2. Oktober durch Volkswahl 95 Prozent der Stimmen. Neuer Parlamentspräsident wird Rafsandjani.  1982  Chomeini entmachtet seinen größten geistlichen Widersacher, Ajatollah Schariatmadari. In der Folge gelingt es Chomeinis Parteigängern, vollends jegliche Opposition auszuschalten.  1985  Groß-Ajatollah Montazeri wird von einem geistlichen Gremium zum designierten Nachfolger Chomeinis im Amt des religiösen Führers bestimmt.  1988  

Im Mai beginnt der sowjetische Truppenabzug aus Afghanistan. Aber der Bürgerkrieg zwischen dem pro-kommunistischen Regime und den Mudschaheddin geht weiter.  

Im September endet der Krieg zwischen Iran und Irak, wobei keine der beiden Seiten Vorteile erringen konnte. Der drohende wirtschaftliche Ruin zwingt beide Staaten zum Waffenstillstand.  

1989  

Chomeini verkündet am 14. Februar das Todesurteil gegen Salman Rushdie.

Groß-Ajatollah Montazeri wird am 28. März wegen seiner öffentlichen Kritik an Terrorpraktiken des Regimes entmachtet.  

Am 4. Juni stirbt Chomeini in Teheran an Darmkrebs. Nach seinem Tod wird Ali Khamenei, der bisherige Staatspräsident, von einem Gremium ranghoher Geistlicher als Nachfolger in das Amt des religiösen Führers gewählt.

Rafsandjani rückt in das Amt des Staatspräsidenten nach. Von nun an sind die Funktionen des Staatspräsidenten und Ministerpräsidenten vereint, um das Regieren effizienter zu machen.  1989 bis 1998  Karbaschi amtiert erfolgreich als Bürgermeister von Teheran, verbessert durch strenge Umweltauflagen die Stadtluft und entschärft den chaotischen Verkehr.  1990  

Im Januar rufen schiitische Fundamentalisten in Lenkoran (Sowjetisch-Aserbaidschan) die Islamische Republik aus und fordern den Anschluss an den Iran. Sowjetische Truppen schlagen die Unruhen nieder.  

Am 2. August besetzt Saddam Hussein Kuweit.  

1991  Nachdem Saddam Hussein einen Rückzug aus Kuweit kategorisch abgelehnt hat, beginnt am 16. Januar unter Führung der USA der Golfkrieg und endet am 28. Februar mit der Niederlage des Irak.  

Im März bricht im Irak der Aufstand der Schiiten und Kurden gegen Saddam Hussein los. Die US-Regierung unter Georg Bush bewahrt das Regime Saddam Hussein vor dem völligen Zusammenbruch – aus der Überlegung heraus – der Irak könnte ohne diktatorische Gewalt in mehrere Teilregionen zerfallen und das Gleichgewicht im Nahen Osten noch mehr als bisher bedrohen.

Am 21. Dezember wird die Sowjetunion offiziell aufgelöst. Die bisherigen Teilrepubliken schließen sich zur Gemeinschaft Unabhängiger Staaten zusammen. Damit endet für die mehrheitlich islamisch bevölkerten Staaten Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan und Kasachstan die mehr als 120 Jahre dauernde russische Fremdherrschaft.  1992  Der Iran beginnt im Januar mit einer diplomatischen Offensive, um seinen Einfluss in den nun unabhängigen islamischen Republiken Zentralasiens auszudehnen.  

Khatami muss auf Druck der Konservativen von seinem Amt als Minister für Kultur und islamische Führung zurücktreten.

Die Parlamentswahl im April beschert Rafsandjanis Fraktion Gewinne, was die Reformpolitik absichert. Aber die konservative Mehrheit im Parlament bleibt bestehen.  

Im Herbst mehren sich die Indizien, dass der Iran mit massiven Waffenkäufen zur militärischen Großmacht hochrüstet.

Im Sommer erschüttern Hungerunruhen eine Reihe iranischer Städte.  1993  Rafsandjani wird im April zum zweiten Mal in das Amt des Staatspräsidenten gewählt, muss aber starke Stimmenverluste hinnehmen.  1994  Im September marschieren Taliban-Milizen aus ihrem Exil in Pakistan nach Afghanistan ein und beginnen mit der schrittweisen Eroberung des Landes.  1995  

Mehdi Bazargan stirbt am 20. Januar.  

Im Februar setzt die konservative Mehrheit im Parlament ein Verbot des Satelliten-Fernsehens durch, um unislamische Informationen aus dem Ausland zu verhindern.  

Im März stirbt Khomeinis Sohn Ahmad an einem Herzinfarkt.

Im Oktober demonstrieren in Teheran rund 7000 Studenten gegen die Übergriffe militanter Gruppen auf Soroush, der während seiner Vorlesungen lebensgefährlich bedroht wird.   1996  

Bei den Parlamentswahlen im März und April können die Konservativen (unter Khamenei) ihre Mehrheit gegen die Technokraten (unter Rafsandjani) ausbauen.  

Im September erobern die afghanischen Taliban-Milizen Kabul, und im November kontrollieren sie bereits rund 70 Prozent des vom Bürgerkrieg der Mudschaheddin zerrissenen Land.  

Im November verschärft die konservative Parlamentsmehrheit die Zensur für Literatur und Kunst erheblich.

Durch ihre Mehrheit im Parlament verhindern die Konservativen, dass Rafsandjani für eine dritte Amtszeit als Staatspräsident kandidieren kann.   1997  

Am 10. April verurteilt das Berliner Kammergericht in dem sogenannten Mykonos-Prozess etliche Iraner zu langjährigen Freiheitsstrafen, weil sie vier iranisch-kurdische Exilpolitiker in Berlin ermordet haben. Ausdrücklich wird in der Urteilsbegründung festgestellt, dass hohe iranische Regierungsmitglieder in die Planung der Morde verwickelt waren: unter anderem Religionsführer Khamenei, Staatspräsident Rafsandjani, Außenminister Velayati.  

Die Wahlen am 23. Mai zum Staatspräsidenten enden mit einem Triumph für den liberalen Kandidaten Mohammed Khatami: Der Geistliche siegt mit 69,7 % über seinen konservativen Gegner Nategh-Nuri.  

Der langjährige Außenminister Velayati tritt ab, an seine Stelle kommt Kamal Charrasi. Innenminister wird Abdullah Nuri.

Am 23. August tritt Khatami sein Amt als der fünfte Staatspräsident der Islamischen Republik Iran an.  1998  

Khatami äußert im Januar in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender CNN erstmals öffentlich seine Dialogbereitschaft mit den USA.  

Im April wird Karbaschi, Teherans Bürgermeister, wegen Korruption verhaftet, aber nach einer Protestdemonstration von mehreren zehntausend Menschen zunächst wieder freigelassen. Im Juli wird er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil soll die Reformkräfte schwächen.  

Im Juni erzwingt die konservative Parlamentsmehrheit die Absetzung des liberalen Innenministers Abdullah Nuri wegen unislamischer Politik. Khatami schafft daraufhin für Nuri das Amt eines Vizeministers für politische Entwicklung.

Die Ermordung von neun iranischen Diplomaten durch Taliban-Milizen in der afghanischen Stadt Mazar-i-Sharif treibt den Iran und Afghanistan im September vorübergehend an den Rand eines Krieges.  1999  Bei den Kommunalwahlen im Februar müssen die Konservativen eine schwere Niederlage hinnehmen. In Teheran wir kein einziger ihrer Kandidaten gewählt. Khatami reist im März zu einem Staatsbesuch nach Italien. Es ist die erste Visite eines Regierungschefs der Islamischen Republik Iran in einem westlichen Land.  

Anfang Juli verabschiedet die parlamentarische Mehrheit der Konservativen ein verschärftes Pressegesetz: Zukünftig können Journalisten vor einem Revolutionsgericht als Saboteure und Spione abgeurteilt werden.

Am 8. Juli kommt es in Teheran zu ersten Demonstrationen von Studenten für Pressefreiheit. Während der folgenden Tage weiten sich die Studentenproteste auf den ganzen Iran aus und werden zur größten regimekritischen Demonstration.

Ende November verurteilt der iranische Sondergerichtshof für Geistliche Khatamis früheren Innenminister Abdullah Nuri zu fünf Jahren Gefängnis wegen islamfeindlicher Propaganda.  

2000  Bei den Parlamentswahlen vom 18. Februar verlieren die Konservativen nach 21 Jahren Herrschaft erstmals die Mehrheit der Abgeordnetensitze an die Reformgruppierungen unter Führung von Khatami.  

Am 27. Mai tritt das neu konstituierte Parlament zusammen und wählt Anfang Juni den Parlamentspräsidenten. Nachfolger von Nategh-Nuri wird der Hodschat-al-Islam Mehdi Karrubi.

Vom 10. bis 12. Juni besucht Khatami Deutschland. Es ist der erste Staatsbesuch eines führenden iranischen Politikers nach 33 Jahren – seit dem Besuch des Schahs 1967.  2001  Khatami gewinnt am 8. Juni die Wahl für eine zweite Amtszeit des Staatspräsidenten mit 77% der Stimmen.

11. September: Die Organisation Al Qaida verübt den Terroranschlag auf das World Trade Center in New York und das Pentagon nahe Washington, über 3000 Menschen sterben.

Am 7. Oktober beginnen westliche Truppen unter der Führung der USA den Angriff auf Afghanistan, um das Hauptquartier der dort verschanzten Al Qaida zu zerstören sowie das Taliban-Regime zu stürzen. Der Iran steht auf der Seite der Westmächte gegen die Taliban und Al Qaida, befürwortet aber keinen lang andauernden Krieg.

Die ehemalige Kaiserin Soraya, 1958 von Schah Mohammed Reza Pahlevi wegen Kinderlosigkeit geschieden, stirbt Ende Oktober 69jährig in Paris. Mitte Dezember ist in Afghanistan das Taliban-Regime militärisch besiegt. Die Organisation Al Qaida übersteht die Angriffe und baut mit unbekanntem Aufenthalt ihr internationales Netzwerk weiter aus.  2002
  

US-Präsident Geroge W. Bush bezichtigt am 9. Januar den Iran, Irak und Nordkorea eine Achse des Bösen zu bilden. Im Iran gibt es Massenproteste gegen diese Äußerung.

Der Historiker Hashem Aghajari fordert im Juni anlässlich des 25. Todestages von Ali Schariati gründliche Reformen im Gottesstaat Iran, vor allem eine Stärkung des demokratischen Elements und einen Rückzug der religiösen Führung aus politischen Ämtern. Er wird im November wegen dieser Rede zum Tod verurteilt. Wegen schweren Studentenunruhen wird im Juli 2003 das Urteil in eine 4jährige Haftstrafe umgewandelt.  

2003
  

Am 20. März marschieren amerikanische und britische Truppen im Irak ein – angeblich, um die Gefahr durch Massenvernichtungswaffen zu bannen, tatsächlich aber, um die Ausbeutung der reichen Erdölvorkommen dem dortigen antiwestlichen Regime zu entziehen und unter eigene Kontrolle zu bringen. Nach drei Wochen Krieg ist die 24jährige Gewaltherrschaft Saddam Husseins beseitigt.

Die USA verstärken die Drohungen gegen den Iran und Syrien. Falls sie nicht kooperationsbereit sind, könnte ihnen das gleiche Schicksal wie dem Irak bevorstehen. Saddam Hussein wird acht Monate nach dem Ende des Irak-Krieges durch den Verrat eines Gefolgsmanns am 13. Dezember von amerikanischen Soldaten verhaftet.  

2004  Der Wächterrat verbietet am 13. Januar mehr als 80 Abgeordneten des Reformflügels, bei der Wahl am 20. Februar für eine weitere Legislaturperiode zu kandidieren. Die offizielle Begründung lautet: wegen unislamischen Verhaltens.  

Der Islamische Wächterrat hat während der Legislaturperiode (Feb. 2000 bis Feb. 2004) von den 295 im Parlament verabschiedeten Gesetzen 111 für unislamisch und daher für ungültig erklärt.

Am 17. Februar ist auf Anordnung des Islamischen Wächterrats rund 4000 reformierter Kandidaten die Teilnahme verboten. Damit ist die absolute Mehrheit der Konservativen vorprogrammiert.

20. Februar: Wie erwartet gewinnen die Konservativen in der manipulierten Wahl die absolute Mehrheit. Für die reformorientierten Gruppierungen unter der Führung Khatamis bedeutet dies den Abstieg in die politische Bedeutungslosigkeit. Seit September kommt es zwischen dem Iran und westlichen Staaten zu erheblichen Spannungen, weil der Iran in den Verdacht geraten ist, Kernkraftwerke nicht nur zur friedlichen Nutzung der Atomenergie zu errichten.  

2005  Im Konflikt um das Atomprogramm des Iran kommt es unter dem Druck der USA und Großbritanniens zu Verhandlungen zwischen Iran und den EU-3, Großbritannien, Frankreich und Deutschland.  Bei der neunten Präsidentschaftswahl am 17. Juni konnte keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erreichen. So musste am 24. Juni eine Stichwahl über den nächsten Präsidenten entscheiden. Es wurden bereits nach der Erstwahl schwerwiegende Vorwürfe von Wahlmanipulation erhoben.   

Bei der Stichwahl erreichte Mahmud Ahmadinedschad 61,69% der Stimmen und wird somit der sechste Präsident der Islamischen Republik Iran. Durch die Wahl des erzkonservativen Ahmadinedschad und seine konfrontative Außen- sowie repressive Innenpolitik nimmt die internationale Isolation des Iran erneut zu.   

Am 3. August 2005 wird Mahmud Ahmadinedschad offiziell in sein Amt eingeführt.   2009  


  

  
Juni bis Okt.  

Bei den Präsidentschaftswahlen am 12. Juni wird Mahmud Ahmadinedschad wiedergewählt. Zu seinen Gegenkandidaten gehören Mir Hossein Mussawi und Mehdi Karroubi. Nach der Abstimmung werden Manipulationsvorwürfe laut.   

Nach dem Wahltag kommt es zu Massendemonstrationen in Teheran und anderen Städten Irans. Die Proteste werden als die grüne Reformbewegung bekannt. Im Verlauf der Proteste kommt es zu Verhaftungen und zu Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften. Laut offiziellen Angaben soll es 43 Tote gegeben haben; die Opposition spricht von über 100 Toten. Laut Amnesty International werden bis Ende 2009 schätzungsweise 5.000 Menschen verhaftet. Die Gefangenen werden teils gefoltert, manche sterben an den Folgen.   

2010  

Am 27. Januar werden zwei Oppositionelle - der 19jährige Arasch Rahmanipour und Mohammad Reza Ali Zamani als so genannte Feinde Gottes von den Machthabern in Teheran erhängt.  

Diese Geistlichen werfen dem Präsidenten vor, einen national-islamischen Kurs, statt einen islamischen Kurs zu verfolgen. 

9. Juni: Im Atomstreit mit Iran verschärft der UN-Sicherheitsrat die Sanktionen. Es ist die vierte Sanktionsrunde seit 2006. Mit der neuen Runde wird unter anderem das Waffenembargo verschärft, der Handel und Geldgeschäfte mit Iran werden eingeschränkt. Die Sanktionen betreffen erstmals auch die iranischen Revolutionsgarden: Hierzu zählt unter anderem ein Reiseverbot für die Mitglieder der paramilitärischen Truppen. Der Westen wirft Iran den Bau von Atombomben vor.   

2011  

22. Februar: Zum ersten Mal seit dem Jahr 1979 passieren zwei iranische Kriegsschiffe den Suezkanal mit Kurs auf Syrien. Ägypten hatte bislang, noch während der Amtszeit des früheren Präsidenten Mubarak, keine Genehmigung für die Durchfahrt iranischer Kriegsschiffe erteilt. Insbesondere Israel zeigt sich nach der Passage alarmiert. Die Regierung sah darin eine Drohgebärde. Iran unterstreiche damit seinen Führungsanspruch auf die Region.

Am 8. März 2011 wird Ajatollah Mahdavi Kani zum Vorsitzenden des Expertenrates gewählt. Dieses Verfassungsorgan wählt auch das Geistliche Oberhaupt Irans. Zuvor hatte Ajatollah Haschemi Rafsandschani auf eine weitere Kandidatur zum Vorsitzenden verzichtet. Rafsandschani setzt sich für die Grüne Bewegung ein und unterstützt die Oppositionspolitiker Mussawi und KarroubiRafsandschani galt lange als möglicher Erbe des Geistlichen Oberhaupts Ajatollah Khamenei.   

 

Quellen: 

Buch IRAN Drehscheibe zwischen Ost und West von Gerhard Schweitzer

Internetseite www.persiano.dehttp://www.persiano.de/

Internetseite www.bpb.dehttp://www.bpb.de/

Internetseite www.wikipedia.orghttp://www.de.wikipedia.org/

 

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„Trump kämpft für einen Regimewechsel im Iran“

Iran Journal - 12. Januar 2018 - 0:34

Nach Angaben des iranischen Generalstaatsanwalts Montazeri habe die US-Regierung sich vorgenommen, das iranische Regime bis Februar zu stürzen. Auch regierungsnahe Experten im Iran meinen, die Iran-Strategie von US-Präsident Donald Trump sei die Fortführung der Iran-Politik der Neokonservativen in den USA . Ziel sei ein Regimewechsel durch die Schwächung der iranischen Wirtschaft und die internationale Isolierung der Islamischen Republik.

Alireza Mirweissi ist Politikwissenschaftler und Mitglied eines Teams von Fachleuten, das für die iranische Regierung nationale und internationale Verträge aushandelt. Er gehört zu den wenigen Auserwählten, die zwar nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen, aber dennoch regen Kontakt zu Wirtschafts- und Politikexperten innerhalb und außerhalb des Iran pflegen. Mirweissi schreibt Fachbücher und klärt interessierte ZeitungsleserInnen in komplizierter internationaler Politik auf. In einem Beitrag für die renommierte Teheraner Wirtschaftszeitung Donyae Eghtessad schreibt er: 

„Trump verfolgt gegenüber dem Iran eine ähnliche Strategie, wie sie der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan gegen die Sowjetunion verfolgte. Er möchte den Druck auf den Iran so weit erhöhen, bis die Islamische Republik in sich zusammenbricht.“

Größtes Hindernis für das Erreichen dieses Ziels sei das im November 2013 unterzeichnete Atomabkommen zwischen dem Iran und den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates sowie Deutschland, so Mirweissi weiter: Um ohne Imageverlust aus dem Abkommen auszusteigen, verfolge die US-Regierung eine Strategie „aus politischen, sicherheitstechnischen und wirtschaftlichen Bausteinen“.

Politische Isolation

Mit einer Kampagne versuche der US-Präsident das Bild des Iran in der Weltöffentlichkeit zu verzerren und der Islamischen Republik ein „satanisches“ Image zu verleihen. Dafür nütze Trump unterschiedliche Wege, etwa, den Iran für die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region verantwortlich zu machen, schreibt Mirweissi: „Heimliche Zusammenarbeit mit Nordkorea, Unterstützung des Terrorismus, ein bedrohendes Raketenprogramm, der regionale Expansionismus und das Streben nach Atomwaffen sind die Vorwürfe, die letzten Endes die anti-iranische Kampagne unterstützen sollen.“

Indem er das iranische Raketenprogramm als Bedrohung für den internationalen Frieden darstelle, wolle der US-Präsident den Iran in eine ähnliche Lage wie vor dem Atom-Deal bringen, glaubt Mirweissi: „Am Ende würden gemäß Kapitel sieben der UN-Charta Sanktionen gegen das Land verhängt werden.“

Das Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen trägt den Titel „Maßnahmen bei Bedrohung oder Bruch des Friedens und bei Angriffshandlungen“. In diesem Kapitel werden die Vorgehensweisen bei wirtschaftlichen und militärischen Zwangsmaßnahmen gegen Staaten durch die internationale Gemeinschaft geregelt.

Die Kurzstreckenrakete „Nasr“ (Sieg), made in Iran 

 

Washington wirft Teheran wegen der Tests von ballistischen Raketen Regelverstöße vor. Die iranische Seite bestreitet die Vorwürfe und betont, die UN-Resolution 2231 eingehalten zu haben.

Die im Juli 2015 verabschiedete UN-Resolution 2231 verlangt vom Iran, sich in einer Zeitspanne von acht Jahren der Arbeit an allen ballistischen Raketen zu enthalten, die geeignet sind, Atomwaffen zu transportieren.

Wirtschaftlicher Druck

Die Regierung Trump verfolge akribisch den Plan, die großen internationalen Geldinstitute daran zu hindern, mit Teheran Geschäfte zu treiben, schreibt Mirweissi: „Bei Zuwiderhandlungen würden ihnen Sanktionen seitens der USA drohen.“ Auf ähnliche Weise verfahre Washington gegenüber internationalen Konzernen, die im Iran investieren wollen: Die US-Regierung schaffe für ausländische Investoren „ähnliche Bedingungen wie die vom ILSA-Gesetz vorgegebenen“.

Laut dem 1996 vom damaligen republikanischen US-Kongress verabschiedeten ILSA-Gesetz (Iran und Libyen Sanktionsgesetz) werden amerikanische und ausländische Unternehmen, die mehr als 20 Millionen Dollar im Jahr in die Entwicklung des iranischen Erdgas- und Ölsektors investieren, mit Sanktionen belegt.

Sicherheitspolitische Überlegungen

In seinem Text schreibt der Politikwissenschaftler weiter: „Trump meint, dass der Iran vor dem Atomabkommen in die Ecke gedrängt war und die Regierung Obama ihn durch den Atomdeal vor dem Zerfall gerettet habe, statt ihm die Kehle zuzudrücken. Er versucht, Obamas Erbe zu vernichten.“

Eine „anti-iranische Koalition“ in der Region sei das andere Ziel der US-Regierung: „Trump und seine Regierung halten den Iran für die größte Bedrohung für Israel und andere US-Verbündete im Nahen Osten. Die pro-israelischen Lobbyisten spielen hierbei eine wichtige Rolle“, so Regierungsberater Mirweissi. Auf der anderen Seite schüre die Regierung Trump die Angst der arabischen Nachbarländer vor dem Iran. Dadurch würden die USA immer mehr Rüstungsgüter verkaufen und ihre militärische Präsenz in der Region ausbauen.

Demonstration gegen das Regime in Isfahan mit der Parole: „Unsere Revolution (von 1979) war ein Fehler“

Der Politikexperte schlussfolgert: „Trumps Regierung hat sich einen Regimewechsel im Iran zum Ziel gesetzt, von dem die Regierung Obama sich distanziert hatte. Die Neokonservativen insbesondere in der Regierung sehen den Iran als größtes Problem im Nahen Osten. Für sie ist er genauso (gefährlich) wie Daesh (der IS) und bedroht US-amerikanische Interessen. Die Neokonservativen hoffen auf eine nervöse Reaktion des Iran, damit sie den Atomdeal aufkündigen können, ohne für die negativen Folgen dieser Maßnahme verantwortlich zu sein.“

Was Alireza Mirweissi außer acht lässt, ist die Bereitschaft vieler IranerInnen zu einem Regimewechsel. Nach Angaben des Politikwissenschaftlers Sadegh Ziba-Kalam ist die Mehrheit der Bevölkerung mit dem Regime unzufrieden. Der in Teheran lebende Universitätsdozent und Reformtheoretiker glaubt, bei einem Referendum würden 70 Prozent der IranerInnen das islamische Regime ablehnen. Die Gründe dafür sind zahlreich. Der Zorn der Protestierenden in den letzten Tagen richtete sich vor allem gegen die Verarmung der Massen, Korruption, Vetternwirtschaft und fehlende soziale und politische Freiheiten.♦

SEPEHR LORESTANI

Aus dem Persischen übertragen und überarbeitet von Iman Aslani

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Iran: Die Wurzeln des Aufstands

Ali Schirasi - 9. Januar 2018 - 21:00

Der Pressesprecher des iranischen Innenministers, im vorliegenden Bericht als Herr „Samani“ bezeichnet, hat am Vortag auf einer Pressekonferenz vor inländischen Journalisten einige Angaben zur sozialen Zusammensetzung der Protestbewegung der letzten Woche gemacht.
Demnach ist die Zahl der Studenten unter den Teilnehmern sehr gering, die meisten haben einen Schulabschluss, der unter dem iranischen Abitur liegt.

Aus der inneriranischen Region Kerman liegen noch nähere Angaben zu den Demonstranten vor. Chalil Hama‘irad, der Sprecher des Rats für Versorgungsfragen der Region Kerman, hat zu den Verhafteten in dieser Region folgendes erklärt: Die Geheimdienstbehörde der Region gibt an, dass 83 Prozent der Inhaftierten zwischen 16 und 30 Jahren alt sind. Die Zahl der Verhafteten wird allerdings nicht genannt. 62 Prozent der Verhafteten haben einen Abschluss unter dem Abitur oder das Abitur. Nach dieser Quelle waren nur vier Frauen unter den Inhaftierten.

http://www.tabnak.ir/fa/news/762990/…
vom 19. Dey 1396 (9. Januar 2018)
Nachricht Nr. 762990
daste-bandiye °ajibe bazdashtihaye kerman

http://www.pyknet.net/1396/03dey/19/page/motor.php
vom 19. Dey 1396 (9. Januar 2018)
konferanse xabariye soxanguye wezarate keshwar: kodam aqshare ejtema°i motore shureshe hafteye gozashte budand?

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Iran: 3700 Gefangene nach den Protesten

Ali Schirasi - 9. Januar 2018 - 20:25

Wie der iranische Parlamentsabgeordnete Mahmud Sadeqi bekannt gegeben hat, sind derzeit laut amtlichen Statistiken 3700 Menschen im Iran in Haft, die aufgrund der jüngsten Demonstrationen festgenommen wurden. Es wird auch von der verbreiteten Anwendung von Folter gegen die Verhafteten gesprochen.
http://www.akhbar-rooz.com/article.jsp?essayId=84154
vom 19. Dey 1396 (9. Januar 2018)
axbare hulnak az zendanhaye eslami

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Iran: 5 Gefangene im Gefängnis gestorben

Ali Schirasi - 9. Januar 2018 - 20:21

Von denjenigen, die im Zuge der jüngsten Demonstrationen im Iran verhaftet wurden, sind insgesamt 5 Personen in Haft gestorben. So erklärte die Menschenrechtlerin Nasrin Setude in einem Interview mit Radio Farda, dass in der Karantäne-Station des Ewin-Gefängnisses insgesamt 3 Menschen ums Leben gekommen seien. Die amtlichen Stellen sprechen von „Selbstmord“. Die Iranische Kampagne für Menschenrechte meldete am Dienstagmorgen darüber hinaus, dass zwei weitere Gefangene namens Wahid Haydari und Mohsen Adeli in den Gefängnissen von Arak und Desful ums Leben gekommen seien.

https://www.peykeiran.com/Content.aspx?ID=145661
vom 19. Dey 1396 (9. Januar 2018)
shomare janbaxtegane kahrizake dowom be 5 nafar resid

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Proteste im Iran: Wissen und Schein

Ali Schirasi - 9. Januar 2018 - 14:03

Während der Proteste zum Jahreswechsel in zahlreichen iranischen Städten war es schwierig festzustellen, was geschah. Einfache Fragen waren nicht zu beantworten:
Wieviele Menschen nahmen in der jeweiligen Stadt an einer Kundgebung teil?
Was waren ihre Forderungen?
Welchen Altersgruppen, Berufsgruppen oder Volksgruppen gehörten sie an?
Waren Männer und Frauen gleich stark vertreten?
Sind die Meldungen über die Proteste zumindest in Bezug auf die Orte vollständig?
Sie waren aus mehreren Gründen nicht zu beantworten.
1. Inländische Medien (Zeitung, Radio, Fernsehen) im Iran können nur dann einigermaßen ungehindert berichten, wenn sie den Fundamentalisten oder den Reformisten nahestehen. Da die Proteste sich anscheinend gegen beide richteten, war eine neutrale Berichterstattung aus diesen Medien nicht zu erwarten. Totschweigen ist noch immer ein beliebtes Mittel, um Proteste unter den Tisch zu kehren.
Untergrundgruppen brauchen länger, bis sie ihre Aktivisten vor Ort erreicht haben und von denen Näheres erfahren.
2. Neue Medien, Weblogger und Nachrichtenaustausch über Whatsapp, Telegram und andere Netze spiegeln eher die Vielfalt der Meinungen wieder, es ist aber schwierig festzustellen, was davon auch die Meinung anderer widerspiegelt und was rein persönlich ist.
3. Stellen wir uns eine konkrete Kundgebung vor: In Sanandadsch gehen Menschen auf die Straße, eine Jugendliche hat ihr Handy dabei und nimmt ein kurzes Video auf, das sie später ins Internet setzt. Wir finden das Video und hören die Parolen, die gerufen werden.
Frage: Was wird die Jugendliche aufgenommen haben – Szenen und Rufe, die ihre Meinung wiedergeben?
Parolen, die aus dem üblichen herausragen und deshalb besonders auffällig sind?
Einen Querschnitt von allem, was sie in ihrem kleinen Ausschnitt des Geschehens beobachten konnte?
Wir sehen nur das Video, wissen nicht, wer es aufgenommen hat, und können folglich nicht feststellen, welche Kriterien diese Person bei der Auswahl hatte.
Multiplizieren wir das nun mal Hundert, wird die Zahl der Videos größer, die Ungewissheit aber nicht geringer.
Aus diesem Grund ist es zwar richtig, wenn man darauf hinweist, dass sich diesmal viele aufgenommenen Parolen gegen das islamistische System richteten, aber das sagt nichts darüber aus, was die Auffassungen der Mehrheit der Protestierenden sind. Interpretationen, die auch wir auf unserer Webseite veröffentlicht haben, stehen also auf recht schwankendem Boden.
Das sollte uns allen bewusst sein.

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